Die Schwebebahn von Eisenhafen by lordi
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Description
„Meine Damen und Herren, herzlich willkommen in Eisenhafen. Hier haben die Gelehrten was
ganz Neues erfunden: die Schwebebahn.
Ein Meisterwerk der modernen Technik, entworfen von Männern mit zu viel Freizeit und zu wenig
gesundem Menschenverstand. Ein Wunderwerk der Technik, sagen sie. Ja, klar. Und warum? Weil
unten auf der Straße kein Platz mehr für Schienen war!
Alles voll.
Pferdedroschken, Händler, kotzende Möwenschwärme, betrunkene Seeleute, betrunkene
Pferde, noch betrunkenerer Dampfkutscher – Sie verstehen – da passt nix mehr dazwischen.
Also haben die Ingenieure gesagt: ‚Dann hängen wir die Schienen einfach oben hin.‘
Brillante Idee.
Wirklich.
Statt überfüllt und chaotisch unten, wird’s halt überfüllt und lebensgefährlich oben. Und mit Fahrgästen, die bis zum Aufprall schreien, wenn da was schief geht.
Fortschritt nennt man sowas.
Ich nenn’s: Einkommensversicherung für Bestatter.
Hier kaufen Sie nicht nur Tickets für die erste Schwebebahn der Stadt, sondern auch ein bisschen
Würdeverlust und eventuell eine kostenlose Enthauptung durch lockere Schrauben.
Und auf dem Bahnhof ist schon einiges los.
Am Ticketschalter ein Kerl, der guckt, als wolle er gleich Eintrittskarten für den Weltuntergang
kaufen. Er murmelt was von ‚Erste Klasse‘ – als ob es in einer fahrenden Sardinenbüchse überhaupt
Klassen gäbe.
Am Rand eine Dame mit Sonnenschirm. Sicher, ihr Teint muss geschützt werden. Oder vielleicht
dient der Schirm als Notfall-Fallschirm – leider nur für sehr kleine Damen oder sehr
hoffnungsvolle.
Beobachtet wir sie von einem ‚Gentleman‘. Er fixiert sie mit einer Hingabe, als stünde sie nicht
unter einem Schirm, sondern unter einem Glassturz im Naturkundemuseum. Fehlt nur noch, dass er
ein Schildchen anbringt: ‚Exemplar: Dame, lecker, unberührt vom Sonnenlicht. Bitte nicht füttern!‘
Die Lady auf der Bank starrt ins Leere, aktualisiert innerlich ihr Testament: ‚Vererbe meinen
Schmuck, meine Teppiche und meine geistige Gesundheit an die erste Person, die sich traut, da
einzusteigen.‘
Oder beobachtet sie die Tauben, als würden die gleich die Bibel neu schreiben?
Vielleicht denkt sie ja, die Viecher wissen mehr als wir. Vielleicht sind sie Zeitreisende. Vielleicht
warten sie nur darauf, dass die Schwebebahn abstürzt, um sich die Krümel der Katastrophe zu
sichern. Ein ein stiller, wortloser Dialog mit einem Vogel, der gerade überlegt, ob er auf den Hut des
‚Gentleman‘ kacken soll.
Die Tauben aber, haben eigene Probleme. Die picken da im Dreck rum, völlig unbeeindruckt von
der ersten schwebenden Eisenbahn der Stadt. Die haben mehr Zukunftsweisheit im Kopf als die
ganzen Ingenieure.
Wer weiß schon, ob sie nicht auf taubisch ein Gespräch führen:
„Sag mal, Horst… das Ding da oben, was soll das werden?“
„Keine Ahnung, Frieda. Sieht aus wie ein umgedrehter Sarg mit Fenstern.“
„Meinst du, das fliegt?“
„Nein. Aber stürzen kann’s bestimmt ganz hervorragend.“
Sie zucken mit den Flügeln und fressen weiter. Sie wissen, die wahre Zukunft gehört nicht der
Technik, sondern den Krümeln.
Ein besonders Mutiger Herr mit Zylinder steigt schon ein. Klar, immer einer mit Zylinder. Der sieht
aus, als würde er gleich zur Arbeit gehen – bei der Bank oder beim Zaubererverein.
Innerlich sagt er
sich wohl: ‚Das Ding macht höchstens zwei Fahrten, dann sammelt man die Passagiere mit ’ner
Schaufel ein.‘ Äußerlich gibt sich so, als wär das hier ’n Opernbesuch und nicht die wahrscheinlich
frei hängende Selbstmordmaschine.
‚Seht her, ich bin ein Mann der Zukunft!‘
In Wahrheit denkt er: ‚Wenn ich das überlebe, schreibe ich ein Buch. Wenn nicht, schreibt die
Lokalzeitung einen Absatz.‘
Er stolpert, hält sich an der Tür fest – und tut dann so, als sei er gerade dabei, eine neue Tanzart zu
erfinden: Der Eisenhafner Schwebeschritt. Applaus! Nein? Doch nicht.
Und währenddessen stehen die Offiziellen mit stolzgeschwellter Brust in sicherem Abstand da und
rufen: ‚Dies ist der Beginn einer neuen Ära! Sicher, effizient und absolut ungefährlich!‘ – genau in
dem Moment, in dem oben der erste Waggon ein Geräusch macht wie ein asthmatischer Wal, der
eine Drehorgel verschluckt hat.
Seien wir ehrlich: Das Ganze ist absoluter Irrsinn.
Eine Bahn, die in der Luft hängt.
Niemand wollte sie, jeder fürchtet sie und die Leute jubeln, kaufen Tickets, steigen ein. Warum?
Weil’s glänzt.
Weil’s zischt.
Weil’s nach Zukunft riecht.
Das, meine Damen und Herren, ist Fortschritt! Fortschritt bedeutet manchmal, dass man nicht mehr
unten im Dreck verreckt, sondern elegant von oben runterknallt.
Willkommen im Eisenhafen. Wo der Fortschritt nicht rollt – er hängt.

Comments (3)
Amüsanter Text. Schade für die die nicht Deutsch sprechen. Aber sie können sich mit dem netten Bild trösten.
Danke, illkirch. Ja, sicher schade, aber ich hatte es schon mit einem text versucht ihn auch in englisch zu zeigen, kam leider wohl nicht so gut an.
ein tolles Bild und super Text mir gefällt es
Vielen ank fürs schauen, Paulinchen
Very cool scene. Great lighting
Thanks, uncollared