Die Meeresgeist – Blechdose mit Kampfauftrag (Teil 4 von 4) by lordi
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Description
Der Torpedo fuhr.
Geradeaus.
Sehr geradeaus.
Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
Otto stand am Heckgeschütz und beobachtete ihn aufmerksam.
„Der ist gut.“
„Was?“, fragte Willi.
„Der Torpedo.“
„Woran erkennst du das?“
„Er fährt.“
Das war tatsächlich schwer zu widerlegen.
Die weiße Spur kam dem Schiff immer näher.
Albrecht hielt das Fernglas vor die Augen.
„Noch zehn Meter.“
Otto legte eine Hand auf das Geschütz.
„Soll ich?“
„Nein.“
„Nur ein kleiner Schuss?“
„Nein.“
„Warnschuss?“
„Otto.“
„Schon gut.“
Noch fünf Meter.
Dann—
BUMM!
Die Explosion riss das Wasser hoch.
Das Schiff wurde in eine gewaltige Wolke aus Rauch, Holz und irgendwelchen Teilen verwandelt, die vorher vermutlich irgendwo fest angeschraubt gewesen und somit nie als Flugkörper gedacht waren.
Die Meeresgeist schaukelte heftig.
Willi klammerte sich an die Steuerung.
Fritze hielt seine Maschine fest.
Otto hielt das Geschütz fest.
Albrecht versuchte, seine Würde festzuhalten.
Er stand einfach da.
Mit offenem Mund.
„Treffer“, sagte Otto zufrieden.
Albrecht nickte langsam.
„Ja.“
„Genau mittschiffs.“
„Ja.“
„Sauberer Schuss.“
„Ja.“
Eine kurze Pause.
Dann begann das getroffene Schiff langsam zu sinken.
„Wir haben es geschafft“, sagte Fritze.
Otto grinste.
„Ich wusste, dass wir das können.“
Albrecht nahm das Fernglas. Er wollte gerade den Untergang seines ersten Feindes betrachten, als er innehielt. Im Schein des Feuers sah er nun mehr.
„Moment.“
„Was?“, fragte Willi.
Albrecht sah noch einmal durch das Glas.
Dann nahm er es herunter.
„Die Flagge.“
„Was ist damit?“
„Die kenne ich.“
Otto sah hinüber.
„Welche?“
„Unsere.“
Stille.
Willi wurde blass.
Fritze ebenfalls.
Otto sah Albrecht an.
Dann zum Schiff.
Dann wieder zu Albrecht.
„Unsere?“
„Ja.“
„Also … kaiserlich?“
„Ja.“
Otto überlegte.
„Dann war das gar kein Feind.“
„Nein.“
Eine längere Pause.
„Das ist schlecht.“
Albrecht nickte nur.
Am Heck des sinkenden Schiffes konnte man noch immer die Reichsflagge erkennen.
Und daneben eine ganze Reihe von Menschen, die inzwischen sehr eifrig versuchten, nicht ebenfalls unterzugehen.
Albrecht schluckte.
„Das ist das Flaggschiff.“
Niemand sagte etwas.
„Das Flaggschiff?“, fragte Willi vorsichtig.
„Das Flaggschiff.“
Fritze sah auf das sinkende Schiff.
„Das mit dem Admiral?“
Albrecht nickte.
Otto wurde nachdenklich.
„Welcher Admiral?“
Albrecht sah ihn an.
„Unser Admiral.“
Otto blickte wieder hinaus.
„Ah.“
Er dachte kurz nach.
„Dann war der Test vielleicht doch nicht ganz erfolgreich.“
Albrecht starrte ihn an.
„Wir haben gerade das Flaggschiff versenkt.“
„Ja.“
„Mit dem Admiral.“
„Ja.“
„Unserem Admiral.“
„Das hatten wir schon.“
Albrecht schloss wieder die Augen.
Otto sah auf das Heckgeschütz, das er mit den Händen wie einen Schatz umklammerte.
„Ich könnte trotzdem noch mal schießen.“
„NEIN!“
„Nur mal kurz.“
„OTTO!“
Otto nahm langsam die Hände vom Geschütz.
„Nichts darf man. Als ob das nun noch eine Rolle spielt.“
Albrecht sah seine Männer an.
„Wir fahren zurück.“
Fritze nickte.
„Über Wasser?“
Albrecht dachte kurz nach.
„Ja.“
„Warum?“
Albrecht sah auf das Wasser.
„Weil ich demnächst vermutlich sehr viele Fragen beantworten muss.“
Otto hob die Hand.
„Ich könnte sagen, dass es ein Unfall war.“
Albrecht sah ihn an.
„Das war es.“
Otto nickte zufrieden.
„Dann sind wir uns ja einig.“
Die Meeresgeist begann langsam zu wenden.
Der Kompass zeigte dabei wieder in eine völlig andere Richtung.
Albrecht sah darauf.
Dann auf das brennende Wrack.
Dann wieder auf den Kompass.
„Weißt du was, Willi?“
„Ja, Herr Kapitän?“
„Fahr einfach irgendwohin.“
Willi nickte.
„Jawohl.“
Und so fuhr die Meeresgeist davon.
Langsam.
Sehr langsam.
Aber immerhin in irgendeine Richtung.
Draußen sank das Flaggschiff weiter.
Der Admiral, der eigentlich persönlich gekommen war, um den historischen ersten erfolgreichen Torpedoabschuss der kaiserlichen Marine zu beobachten, beobachtete inzwischen vor allem, wie das Meer seinem Kopf immer näher kam.
Der große Waffentest war damit ein voller Erfolg.
Der Torpedo funktionierte.
Die Zielgenauigkeit war hervorragend.
Die Sprengkraft sogar besser als erwartet.
Nur bei der Zielidentifikation bestand noch geringfügiger Verbesserungsbedarf.
Die Marine würde daraus lernen.
Irgendwann.
Vielleicht.
Falls jemand übrig blieb, der sich daran erinnerte.
(Bild wurde in Daz Gerendert)

Comments (7)
Hmmmm. Metapher: Wir vesenken uns selbst. - - - Na hoffentlich und wenn es geht auch ganz schnell ;)
lach Tun wir, dauert aber schon Jahrzehnte bei uns :D
Sehr gut geschrieben und ziemlich erschuetternd. Die Fortsetzung wurde ja schon gesanglich gebracht mit 99 Luftballons. Du hast sehr gut in Worte gefaßt, welchem Wahn machtgierige Menschen verfallen sind.
Danke dir, Nena :)
Excellent
Thank you, uncollared
Wonderbar
Action render
Many thanks, MagikUnicorn
Awesome too.
Thanks, Gisela
Nach so einem Erfolg wird Albrecht sicher befördert. Anscheinend braucht man einen neuen Admiral.
Möglich, die Frage ist nur bei welcher Marine. Die eigene oder eher bei der Gegenseite :D
wow, I didn't expect that ending.....like lonely-wolf suggests, this could be a metaphor for the present...Your images often do this---they're playful, even silly, but often with very serious undertones. (Or vice versa--they're very serious, but with undertones of humor and silliness.) This end has all the humor of the other 3 parts, but the ending makes us feel that we are really screwed up, as a race. And the sly ease with which you end this shows the insanity of our world with a subtle sense of humor. Fumbling incompetents messing with the world...
More of your understated dialogue... (on the torpedo working: "How can you tell?" "It's moving." (er fährt)
Or when they discover they hit their own people: "Then that wasn't an enemy/ "No."... "That's bad." (Dann war das gar kein Feind...) Or, „Dann war der Test vielleicht doch nicht ganz erfolgreich.“
You use understatement really well. (am i right that "understatement" is the Deutsch word for "understatement"? What about "Unterteribung"? I'm very confused...)
Also when Otto wants to shoot: Nichts darf man. Als ob das nun noch eine Rolle spielt. (The Deutsch is better!) He's like a child who's told he has to clean up his room BEFORE he plays soccer with his friends: "I can't do ANYTHING I want!!!"
I read Nena---I agree with what she wrote. But ""99 Luftballons"? I don't know what she meant---maybe I need to live in Europe to understand. But I agree with her interpretation.
This is a very funny and complex tale! Very complex and understated. With the bumbling, stumbling people we have in our country, it hits "close to home". Terrific tale, lordi. And the image is fine too---esp with Otto standing there like he's steering a little fishing boat. I've totally enjoyed this.
Laughs Thanks, Mark. Yeah, in these chaotic steampunk-military stories, I like to poke a little fun at the typical military mindset. How many times have they built the "Ultimate Weapon," only to make the chaos in the world worse instead of resolving it? And in German, we actually use both forms of understatement—the English style and the German one—these days. I deliberately portrayed Otto as a typical gung-ho soldier. The main thing is to shoot first and break something; the higher-ups can do the thinking. Regarding Nena's comment about the "99 Luftballons"—that’s a song from the early 80s. Her namesake (also named Nena) had a huge hit with it—so big, in fact, that she even scored a hit in the UK and the USA with the English version, "99 Red Balloons." Here’s a link to listen to the English version: https://www.youtube.com/watch?v=hiwgOWo7mDc. I’m really glad you enjoyed this story, even though it turned out a bit long. While writing it, I kept coming up with more ideas, so I would have hated to cut it down later! :D