Die Meeresgeist – Blechdose mit Kampfauftrag (Teil 2 von 4) by lordi
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Description
Alles war bereit, den großen Waffentest und zugleich die erste Feindfahrt zu beginnen.
Am Kai herrschte reges Treiben.
Offiziere liefen herum, Matrosen schleppten Kisten, irgendwo spielte eine kleine Kapelle einen zackigen Marsch – was allerdings irgendwie mehr nach den Todesschreien eines gestrandeten Wals im Stimmbruch klang – und der zuständige Admiral hielt eine Ansprache.
Es war viel Humptata für ein Schiff, das eigentlich möglichst unbemerkt verschwinden sollte.
Die Meeresgeist lag dampfend am Kai.
Sehr dampfend.
Also eher mächtig qualmend.
Der Schornstein spuckte eine schwarze Rauchwolke in den Himmel, die sich langsam über dem Hafen ausbreitete, als würden drei Kohlebergwerke gleichzeitig brennen.
„Ist das normal?“, fragte Willi Kruse.
Der Maschinist Friedrich Klotz nickte zufrieden.
„Natürlich.“
„Und der Rauch?“
„Auch.“
Willi sah zum Himmel.
„Man kann den Hafen nicht mehr sehen.“
„HA! Eine Innovation! Selbst der Hafen wird in unserer Nähe unsichtbar!“
Fritzes Stimme hatte dabei eine beunruhigende Nuance von Wahnsinn.
Der Kommandant Albrecht von Rabenhorst stand daneben und betrachtete die Meeresgeist mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, der sich langsam fragte, ob Desertion vielleicht doch eine unterschätzte Form der Karriereplanung war.
Dann kam das Signal zum Ablegen.
Die Kapelle spielte lauter.
Ein Offizier brüllte einen Befehl.
Die Leinen wurden gelöst.
Die Meeresgeist setzte sich langsam in Bewegung.
Sehr langsam.
Unfassbar langsam.
Man meinte fast, die Wanderdünen am nahen Strand würden gleich Lichthupe geben, wenn sie zum Überholen ansetzten.
„Warum machen wir nicht mehr Fahrt?“, fragte der Kommandant.
„Wir müssen ein wenig Kohle sparen.“
„Wie viel Kohle haben wir denn geladen?“
„So viel, wie reingepasst hat.“
„Und wie viel hat reingepasst?“
Fritze lächelte.
„Nicht viel.“
Das war tatsächlich ein Problem.
Die Meeresgeist war klein.
Sehr klein.
Und da man bereits erstaunlich viel Metall, zwei Torpedorohre, ein Geschütz, eine Dampfmaschine, Batterien, einen Schornstein und vier Männer unterbringen musste, war für Kohle nicht mehr allzu viel Platz geblieben.
Die Marine hatte dieses Problem auf ihre Weise gelöst.
Man hatte einfach weniger Kohle mitgenommen.
Sie nannten dieses Konzept „Effektive Kurzfahrt“.
In der Realität nannte man es: „Verdammt, wenn der Feind nicht zu uns kommt, haben wir ein Problem.“
Die Meeresgeist stampfte weiter über das Wasser.
Langsam.
Sehr langsam.
So langsam, dass ein leeres Fass, das im Wasser trieb, zunächst davontrieb, dann wieder eingeholt wurde und schließlich aussah, als würde es die Meeresgeist eskortieren.
Dann trieb ein toter Fisch von hinten, bäuchlings, an der Meeresgeist vorbei.
Ganz langsam.
Aber immer noch schneller als das Boot.
Willi sah ihm nach.
Otto sah ihm nach.
Fritze sah ihm nach.
Schließlich sah auch Albrecht hinüber.
Der Fisch entfernte sich.
Würde.
Autorität.
Militärische Überlegenheit.
Alles trieb gerade an ihnen vorbei.
„War das eben ein Fisch?“, fragte Albrecht.
„Ja“, sagte Willi.
„Ein toter?“
„Sieht so aus.“
Albrecht schwieg.
Der Fisch trieb weiter.
Ein paar Sekunden später war er bereits deutlich vor ihnen.
Albrecht sah auf das Wasser.
Dann auf den Fisch.
Dann auf seine Männer.
„Mehr Fahrt.“
Fritze hob eine Augenbraue.
„Herr Kapitän?“
„Mehr Fahrt.“
„Wir wollten doch—“
„Mehr Fahrt!“
Fritze verschwand im Maschinenraum.
Kurz darauf begann die Dampfmaschine hörbar stärker zu arbeiten.
Dummerweise machte die Maschine dabei ein Geräusch, das ein wenig wie
„Tot. Tot. Tot. Tot.“
klang und wenig zur schwindenden Moral der Mannschaft beitrug.
Aber sie fuhren schneller.
Immerhin schneller als ein toter Fisch, bemerkten sie befriedigt, als sie den kalten, schuppigen Gesellen überholten und hinter sich ließen.
Sie entfernten sich vom Hafen – also zumindest wurde der Rauch hinter ihnen etwas dünner – und fuhren noch ein Stück weiter, bis auch der letzte Rest des Hafens am Horizont verschwunden war.
Offene See.
Endlich.
Albrecht sah sich um.
„Also gut“, sagte Albrecht schließlich.
„Wir tauchen. Test der Feindfahrt.“
Otto wurde sofort aufmerksam.
„Jetzt?“
„Ja.“
„Und das Geschütz?“
„Bleibt, wo es ist.“
Otto sah aus, als hätte man ihm gerade seinen Geburtstag abgesagt.
„Aber wir sind dann unter Wasser.“
„Das ist normalerweise der Sinn eines Unterseebootes.“
„Und wenn wir etwas treffen wollen?“
Albrecht sah ihn an.
„Dann tauchen wir wieder auf.“
Otto dachte darüber nach.
„Ah.“
Er nickte.
„Das ist logisch.“
Albrecht sagte nichts.
Er hatte inzwischen gelernt, dass man gewisse Dinge einfach nicht kommentieren sollte.
„Also gut. Tauchtest.“
Fritze nickte.
„Dampfantrieb stoppen! Schornstein einfahren!“
Er zog am Hebel.
Klonk. KRRRANG. Quietschen.
Mit einem Geräusch, das an ein Fallbeil mit sehr viel Schwung erinnerte, verschwand der Schornstein im Rumpf und wurde verschlossen.
„Luken schließen.“
Mit einigen protestierenden Quietschgeräuschen, als würde ein Zug auf rostigen Schienen bremsen, schlossen sich die Schotts.
Einen Moment lang herrschte Stille.
Willi ging bereits zum Tauchmechanismus.
„Was muss ich machen?“
Fritze kam dazu.
„Erst die Ventile öffnen.“
„Welche?“
„Die da.“
Willi sah auf die zahlreichen Hebel und Ventile.
„Welche da?“
Fritze zeigte auf einen.
„Den da.“
Willi legte die Hand darauf.
„Und was macht der?“
„Das weiß ich nicht genau.“
Willi ließ die Hand wieder sinken.
„Warum soll ich ihn dann öffnen?“
„Weil er so aussieht, als wäre er dafür zuständig.“
Albrecht trat näher.
„Gibt es keinen Plan?“
Fritze zog einen zerknitterten Zettel aus der Tasche.
„Doch.“
Albrecht nahm ihn und faltete ihn auseinander.
Es war eine Zeichnung der Meeresgeist. Darauf waren ungefähr dreißig Leitungen, zwölf Ventile und mehrere Pfeile eingezeichnet.
„Was bedeutet das?“
„Das ist der Plan.“
„Und die Beschriftungen?“
„Die sind noch nicht fertig.“
Albrecht sah auf das Blatt.
Dann auf das Boot.
Dann wieder auf das Blatt.
„Wann wurde dieser Plan erstellt?“
„Heute Morgen.“
„Von wem?“
„Von mir.“
„Und wann hast du das Tauchsystem zum ersten Mal ausprobiert?“
Fritze überlegte.
„Das hier wäre das erste Mal.“
Albrecht faltete den Plan wieder zusammen.
Sehr langsam.
„Natürlich.“
Dann richtete er sich auf.
„Meine Herren.“
Willi und Otto sahen ihn an.
„Wir machen jetzt etwas, das noch nie jemand vor uns gemacht hat.“
Otto grinste.
„Tauchen?“
„Nein.“
Albrecht sah hinaus auf das Meer.
„Wir vertrauen darauf, dass dieses Boot unter Wasser besser funktioniert als über Wasser. Flutet die Tanks!“
Das Kommando fiel mit einem leichten Unterton von „Herr, steh uns bei“.
FSSSSSSSSSCH! Blubb. Blubb.
Die Meeresgeist begann zu sinken.
Erst langsam.
Dann etwas schneller.
Der ganze Rumpf ächzte, zischte und blubberte dabei, als würde ein tollwütiger Samowar gerade eine ausgewachsene Existenzkrise durchleben.
Willi sah auf das Tiefenmessgerät.
„Zwei Meter.“
BLUBB.
„Drei.“
Albrecht hielt sich an einer Stange fest.
„Funktioniert das?“
Fritze nickte.
„Sieht so aus.“
Die Meeresgeist sank weiter.
Und damit war das erste kaiserliche Unterseeboot offiziell dort angekommen, wo es laut Bauplan hingehörte.
Unter Wasser.
Niemand sagte etwas.
Das Boot ächzte lauter als ein Großvater mit künstlicher Hüfte beim Erklimmen eines Berges.
Es war ein seltsames Gefühl.
Sie waren tatsächlich unter Wasser.
Die Meeresgeist schwamm nicht mehr auf dem Meer - Sie befand sich darunter.
Das war genau genommen der Plan gewesen.
Und trotzdem fühlte es sich für alle Beteiligten ein wenig so an, als hätte man gerade einen Fehler gemacht.
Und irgendwo tief im Inneren der Meeresgeist machte einVentil ein Geräusch, das verdächtig nach einer schlechten Entscheidung klang.
„Was war das?“, fragte Albrecht besorgt.
„Nichts Wichtiges.“
„Woher weißt du das?“
„Weil wir noch leben.“
Schlagende, aber beängstigende Logik.
Albrecht blickte durch die Glaskuppel.
Wasser.
Nach links: Wasser.
Nach rechts: ebenfalls Wasser.
Oben: Wasser.
Unten: überraschenderweise auch Wasser.
Er atmete tief durch.
„Ausgezeichnet.“
Niemand antwortete.
„Wir sind unsichtbar.“
„Jawohl, Herr Kapitän.“
„Hat uns jemand gesehen?“
Willi überlegte.
„Keine Ahnung.“
Albrecht nickte.
„Sehr gut.“
Fritze schaltete den Batteriebetrieb ein.
Ein leichtes Brummen wie von einem zornigen Bienenschwarm auf Koffein erklang im ganzen Boot, und die Meeresgeist begann durch das Wasser zu gleiten.
Langsam.
Langsam war dabei ein relativer Begriff.
Die Maschine arbeitete mit Batterien, und die Batterien waren ungefähr so leistungsfähig wie ein erschöpfter Hamster.
Allerdings hatte man keinen Hamster an Bord.
Leider.
Albrecht sah Willi an.
„Wie halten wir eigentlich den Kurs?“
Willi zeigte auf den Kompass.
„Damit.“
Albrecht betrachtete ihn.
Die Nadel drehte sich langsam.
Dann schneller.
Dann plötzlich in die andere Richtung.
Sie blieb kurz stehen.
Zeigte nach Norden.
Nach Osten.
Nach Süden.
Dann wieder nach Norden.
Albrecht sah auf den Kompass, dann auf Willi.
„Funktioniert der?“
Fritze warf einen Blick darauf.
„Solange nicht zu viel Metall in der Nähe ist, schon.“
Albrecht sah sich um.
„Das Boot besteht fast vollständig aus Metall.“
Fritze nickte.
„Jetzt, wo du es sagst … Dann funktioniert der eher weniger.“
Eine kurze Stille.
„Und warum haben wir dann einen Kompass?“
Fritze zuckte mit den Schultern.
„Weil er damals noch funktioniert hat.“
Albrecht dachte einen Moment darüber nach.
„Wann war damals?“
„Bevor sie ihn eingebaut haben.“
„Also raten wir den Kurs?“
Willi sah nach vorn.
„Ich glaube, solange vor uns Wasser ist, ist es halbwegs richtig.“
Albrecht schwieg einen Moment.
„Und wenn da irgendwann kein Wasser mehr ist?“
Willi dachte darüber nach.
„Dann würde ich langsamer werden. Also dann meist auch recht abrupt, fürchte ich.“
Eine kurze Stille.
Otto nickte anerkennend.
„Vorausschauendes Fahren.“
Albrecht schloss die Augen.
Die Meeresgeist glitt weiter durch die Tiefe.
Langsam.
Sehr langsam.
Und ungefähr in die Richtung, in die sie ihrer Meinung nach fahren sollte und den Feind vermutete.
Fortsetzung in Teil 3....
(Bild wurde in Daz Gerendert)

Comments (4)
Super gemacht
Vielen Dank, Paulienchen
Nice render
Thanks, anitalee
Sehr lustig. Vielleicht nicht für die Crew
Danke dir, illkirch. Aber ich glaub die haben auch noch ihren Spaß :D
Ok. Your pacing is filled with expectations that are squashed, and they are funny and they work! This fast interchange between leader and crew member, with your rat-a-tat pacing (short question, short answer, expectation, expectation denied). It gives your writing a lot of pure silliness---a compliment!---and makes this like the old "screwball comedies" (of the 30s and 40s) and like later comedies of directors like woody allen, etc. Lots of "will this work?" "Uh, I think so." "You sure?" "Nope. Not at all..." That's just a generalized version, but you use that kind of silliness alot, and you are totally at home with it. Basically, even the admirals don't know what the f--- they're doing. It makes this an exercise in mishaps and irony. It works totally for me.
And you step in and give your assessments---"which, for some reason, sounded more like the death cries of a stranded whale going through puberty" (damn HTML!), "a valve made a noise that sounded suspiciously like a bad decision" Etc. ("at least faster than a dead fish") I know you wrote these auf Deutsch, but from the little I could decipher, the translation captured your original quite well.
I looked at some of the Deutsch: Oh yeah, even I can see how idiomatic some expressions are---though I'm stunned at how well they were translated, considering the obstacles. I love words like "humptata" (für ein Schiff). Chatgpt calls is "pomp and circumstance" (which actually comes from Shakespeare---it's amazing how many phrases we get from him, in english)---but that doesn't have the direct silliness of "humptata". Still, the translation pops---your writing assures that.
Love the names (kotz, rebenhorst, etc), and I wonder: Were you in the navy? You write as if you'd been in submarines. Good intuitions, if you haven't been. Good sound effects too (most of which are identical in the german). (Quietshen didn't carry over, but it sounds close enough). And I assume "tot, tot, tot, tot" is not only a funny line ("death, death, death, death"); but that "tot" actually sounds like an engine struggling. (A car starting up then dying. "Tot, tot, tot, tot...") Yeah, that can't carry over to English. The author's eternal struggle with translations...
The whole discussion on the "plan"---pure screwball comedy! To use an american phrase, "the authorities don't know s---t!" You keep it all subtle, but the idiocy slaps us regardless..
This is the 2d piece I've read of yours---this week---about early 20th C technology. You handle it with real ease. Considering that we're facing an existential crisis with AI, it's a blast to read your takes on what seemed insurmountable 100 years ago. Terrific read, lordi. And the image is one of a gigantic silly metal whale, way too big for the water around it: clunky and clumsy. The right image for the piece. (I know a lot of artists aren't readers, but they don't know what they're missing) (the famous Groucho Marx line: A writer asked what Groucho thought of his book; Groucho wrote: "From the minute I picked it up till the minute I put it down, I couldn't stop laughing. Someday I'll have to read it...")
Oh, Mark. Your comments are always delightful—I almost enjoy reading them more than my own story! :) Thanks so much for that. While this is my longest attempt so far at a story involving a steampunk-style military, it’s actually the third one I’ve done. I just find the concept amusing: trying to create something amazing using steampunk tech (Victorian-era gear with a few upgrades) only to have the project fail because of typical military posturing. This one turned out so long because I wanted to experiment with that kind of rapid-fire dialogue you sometimes see in old movies. And the fact that you actually check out the German original and consistently spot the very things I struggled with most during translation—like "Knallschoten" or "Humptata"—is amazing. I suppose I should pay attention to that sort of thing while I'm writing in German, but usually, the words just flow out of me naturally. :)
Navy? Oh no. Luckily, I was never in the military (a stroke of luck for both me and the world).
I’m also glad when people look at the image rather than just the long text. I understand that my lengthy typing sessions aren't everyone's cup of tea. But that makes me appreciate every reader who does read it even more; getting wonderful comments like yours feels like a little gift that brightens my day. :)