Der ganze Spaß begann mit Bauchschmerzen Eine Krankenhausgeschichte in drei Tage by lordi
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Description
Vorab eine kleine Anmerkung:
Die hier geschilderten Ereignisse haben tatsächlich stattgefunden, auch wenn manche Details durch meine persönliche Erinnerung und Wahrnehmung geprägt sind. Es gibt lustige und ernste Momente sowie Dinge, die einfach zum Geschehen dazugehören.
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Tag 1 – Ankommen
Der ganze Spaß begann mit Bauchschmerzen.
Nicht diese normalen Bauchschmerzen, die man mit einer Wärmflasche und der festen Überzeugung bekämpft, dass der eigene Körper schon irgendwie weiß, was er tut.
Nein.
Die Sorte Bauchschmerzen, bei denen man sich zusätzlich übergeben muss und langsam das Gefühl entwickelt, dass die eigenen Innereien eine Betriebsversammlung einberufen haben.
Sehr würdevoll alles.
Montag also zum Arzt.
Die Diagnose war zunächst angenehm unspektakulär.
Vielleicht ein Infekt.
Vielleicht die Magenschleimhaut.
Vielleicht einfach Pech.
Ich wurde krankgeschrieben, man nahm Blut ab und ich ging wieder nach Hause.
Dienstag klingelte das Telefon.
Die Ärztin.
Und wenn Ärzte persönlich anrufen, dann nicht, um zu fragen, wie die Urlaubsplanung aussieht.
Sie klang freundlich. Viel zu freundlich.
„Ihre Blutwerte sind eine Katastrophe.“
Das ist kein Satz, den man gerne hört. Vor allem nicht von jemandem, der beruflich Blutwerte bewertet.
Es klang, als hätte ich versehentlich keinen Bluttest abgegeben, sondern einen Eimer Giftmüll.
Eine Einweisung ins Krankenhaus liege bereits bereit. Ich solle bitte sofort los.
„Sofort“ ist dabei ein medizinischer Fachbegriff für: „Jetzt. Nicht erst nach einer Folge Ihrer Lieblingsserie.“
Also Einweisung abgeholt, Tasche gepackt und ab ins Krankenhaus.
Notaufnahme
Ich stellte mich innerlich auf die übliche Erfahrung ein.
Stundenlanges Warten in einer Art Vorhölle aus Neonlicht, Plastikstühlen und Menschen, die aussehen, als hätten sie ihre Beschwerden aus einem Überraschungsei gezogen, das direkt in der Hölle gefertigt wurde.
Aber denkste.
Kaum war ich durch die Tür, fühlte ich mich wie ein Formel-1-Wagen beim Boxenstopp.
Sofort auf eine Liege.
Eine Schwester nahm Blut ab.
Eine andere maß den Blutdruck.
Die nächste kontrollierte den Sauerstoffgehalt.
Währenddessen klebte mir jemand EKG-Pads auf die Brust und eine vierte Person befragte mich gleichzeitig zu meiner Krankengeschichte.
Nicht nur zu meiner eigenen.
Gefühlt auch zu der meiner Vorfahren bis zurück ins frühe Mittelalter.
Man hat in solchen Momenten das Gefühl, man müsste eigentlich auch noch die Blutgruppe seines Goldfischs angeben.
Dann kamen die ersten Ergebnisse.
Die Ärztin kam herein.
„Es sieht nach einer Entzündung oder Reizung der Bauchspeicheldrüse aus.“
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich über meine Bauchspeicheldrüse ungefähr genauso oft nachgedacht wie über die Außenbeleuchtung des Bundestages.
Ich wusste zwar, dass ich eine besitze.
Mehr aber auch nicht.
Nun stellte sich heraus, dass dieses Organ durchaus in der Lage ist, auf sich aufmerksam zu machen.
Und zwar auf die Art eines Nachbarn, der nachts um drei anfängt, Schlagzeug zu lernen.
Man wolle mich einige Tage zur Beobachtung behalten.
Abklärung. Untersuchungen. Sicherheit.
Dazu eine Dauerinfusion mit Elektrolyten.
Also ging es hoch auf Station.
Ein freundlicher Pfleger zeigte mir mein Zimmer.
Zweibettzimmer.
Leer.
Ruhig.
Und dann sah ich die Terrasse.
Nicht irgendeine Terrasse.
Eine riesige Terrasse.
In einem Krankenhaus!
Ich stand da und dachte sofort:
Die haben mich verwechselt.
Irgendwo irrt jetzt ein Privatpatient durch den Flur und fragt sich, warum er neben einem Getränkeautomaten untergebracht wurde.
Ich hatte noch nicht einmal angefangen auszupacken, da stand der Pfleger schon wieder vor der Tür.
Nächste Fragerunde.
Erste Frage:
„Sind Sie gläubig?“
Ich war zu diesem Zeitpunkt noch damit beschäftigt zu verarbeiten, dass zwischen dem Anruf meiner Ärztin und dieser Frage ungefähr drei Stunden vergangen waren.
Also antwortete ich ehrlich:
„Nicht wirklich.“
Erst in diesem Moment bemerkte ich die Kreuze an den Wänden.
Aha.
Katholisches Krankenhaus.
Plötzlich ergab die Frage deutlich mehr Sinn als noch wenige Sekunden zuvor in meinem Kopf.
Die Befragung verlief weiter freundlich.
Der Pfleger verabschiedete sich.
Keine zehn Minuten später kam die nächste Nachricht.
Zimmerwechsel.
Natürlich.
Das Universum hatte offenbar beschlossen, dass ich mich als ungläubiger Thomas auf dieser Terrasse zu wohl fühlen könnte.
Neues Zimmer.
Wieder zwei Betten.
Aber diesmal lag dort bereits jemand.
Und sämtliche Hoffnungen auf Ruhe verließen den Raum unmittelbar nach mir.
Mein neuer Zimmernachbar war ein Mann, der das Meckern nicht als Charaktereigenschaft verstand, sondern als Lebensaufgabe.
Er murmelte ständig vor sich hin.
Er hing an diversen piependen und blubbernden Apparaten.
Eine Geräuschkulisse, als würde ein tollwütiger Eierkocher mit einem Faxgerät aus dem Jahr 1990 streiten.
Am Abend bekam ich ein trockenes Stück Brot als Schonkost.
Sehr trocken.
So trocken, dass ich kurz überlegte, ob das Brot selbst vielleicht auch krankgeschrieben war.
Kulinarisch bewegte sich das ungefähr auf dem Niveau einer mittelalterlichen Belagerung.
Dann kam die Nacht.
Mein Zimmernachbar entwickelte eine beeindruckende Regelmäßigkeit.
Etwa stündlich klingelte er nach der Schwester.
Das Kissen sei verrutscht.
Jetzt juckte der Rücken.
Nun tat dies weh.
Kurz darauf wieder etwas anderes.
Irgendetwas musste gemacht werden.
Schlaf war deshalb eher ein theoretisches Konzept.
Gegen vier Uhr morgens lag ich wach in meinem Bett und dachte über die Frage nach, die man mir einige Stunden zuvor gestellt hatte.
„Sind Sie gläubig?“
Falls mich hier noch einmal jemand fragt, hatte ich beschlossen, werde ich
aufspringen, ihm eine Bibel entgegenhalten und laut rufen:
„Natürlich, mein Bruder! Preiset den Herren!“
Man passt sich seiner Umgebung schließlich an.
Da dachte ich noch, der meckernde Zimmernachbar wäre das Schwierigste, was mir in diesem Krankenhaus begegnen würde.
Wie sehr ich mich täuschen sollte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Tag 2 – Die Geschichten der anderen
Nach der ersten Nacht wusste ich immerhin eines:
Im Krankenhaus wird Schlaf nicht als Grundrecht verstanden.
Eher als Luxus für gläubige Patienten, vermutete ich.
Morgens kamen die Pfleger.
Neue Infusion.
Elektrolyte.
Zwei Liter am Tag mussten es unbedingt sein.
Man hätte das Zeug auch als Schirmchendrink servieren können. Mit einer kleinen Ananas am Glas. Dann hätte ich wenigstens das Gefühl gehabt, im Urlaub intravenös versorgt zu werden.
Wieder Blutdruck.
Wieder Sauerstoff.
Langsam hatte ich den Eindruck, sie wollten sicherstellen, dass ich zwischen gestern und heute nicht versehentlich aufgehört hatte zu leben.
Nebenbei schnappte ich die wichtigste Information des Tages auf.
Mein Zimmernachbar – der eine Geräuschkulisse wie eine Mischung aus Darth Vader und einer defekten Espressomaschine erzeugte – sollte heute entlassen werden.
Hoffnung.
Zum ersten Mal seit meiner Einweisung hatte ich das Gefühl, die Station arbeitete aktiv an meiner Lebensqualität.
Das Frühstück war ebenfalls ein Fortschritt.
Zwei Brötchen.
Mit Belag.
Und sie wirkten, als wären sie tatsächlich in diesem Jahrhundert gebacken worden.
Meine Schmerzen waren inzwischen deutlich besser.
Kein Erbrechen mehr.
Ich dachte wirklich:
Jetzt wird's.
Dann kamen zwei Männer vom Krankentransport.
Sie wollten meinen Zimmernachbarn nach Hause bringen.
Innerlich feierte ich sie als Helden des Tages.
Der allerdings hatte andere Pläne.
Er erklärte, er könne unmöglich zwei Minuten im Rollstuhl sitzen.
Das würde unmittelbar zu seinem Ableben führen und damit offenbar auch zum sofortigen Untergang des Abendlandes.
Es entwickelte sich eine Diskussion zwischen dem Patienten, den beiden Transportfahrern und einer Schwester.
Die Schwester erklärte, das Bett werde dringend gebraucht.
Der Patient erklärte, er werde sterben, wenn er sich auch nur annähernd hinsetzte.
Die Transportfahrer erklärten, dass sie dann wieder gehen würden.
Die Schwester erklärte, dass genau das keine gute Idee sei.
Ich verließ die Szene, weil ich zum Ultraschall musste.
Vielleicht war das auch besser so, bevor sie ihn doch noch mit einem Betäubungspfeilaus dem Zoo holen mussten.
Der Pfleger fragte unterwegs noch, ob ich einen Rollstuhl brauche.
Ich sagte:
„Nein, ich kann laufen.“
Er sah fast enttäuscht aus.
Ich hatte kurz das Gefühl, ich hätte ihm den schönsten Moment seines Vormittags genommen.
Beim Ultraschall erklärte mir die Ärztin schließlich die eigentliche Ursache.
Ich war steinreich.
Mehrere Gallensteine.
Leider die falsche Art von Reichtum.
Sie hatten vermutlich die Bauchspeicheldrüse in Aufruhr versetzt.
Steine.
Normalerweise liegen die einfach nur herum.
Meine hatten offenbar beschlossen, Politik zu machen.
Leider in einem Parlament, in dem Debatten grundsätzlich mit Kernwaffen geführt werden.
Fast am Ende der Untersuchung kam eine zweite Ärztin herein.
„Sind Sie nüchtern?“
„Kein Alkohol drin, aber ich habe gefrühstückt.“
Sie schaute mich an, als hätte ich mir unterwegs noch ein Schnitzel bestellt.
„Warum denn?“
Eine interessante Frage.
Vielleicht, weil ich seit Tagen nur Zwieback hatte und mir gestern ein Stück Brot serviert wurde, das vermutlich schon Napoleons Truppen verschmäht hatten?
Und weil mir heute Frühstück angeboten wurde?
Vor allem aber:
Weil mir niemand gesagt hatte, dass ich nüchtern bleiben sollte.
Die Untersuchung wurde abgesagt.
Eigentlich hätte ich jetzt noch einen Schlauch schlucken sollen.
Niemand hatte mir vorher erzählt, dass ich heute den kleinen Bruder eines Gartenschlauchs kennenlernen würde.
Dann kam der nächste Moment, in dem Krankenhauslogik auf Alltagslogik traf.
„Ihr Bett steht schon draußen.“
Ich sagte:
„Ich bin doch zu Fuß gekommen.“
„Das Bett muss wieder mit hoch.“
„Dann schiebe ich es eben.“
Das ging natürlich nicht.
„Dann gehe ich hoch und man bringt mein Bett einfach nach, wenn es passt?“
Ein weiterer Blick, als hätte ich vorgeschlagen, mal eben den Mond auf eine andere Umlaufbahn zu bringen.
Offenbar gingen Patient und Bett im Krankenhaus eine lebenslange Beziehung ein.
Zumindest bis zur Entlassung.
Der Pfleger musste mich also mitsamt Bett zurückfahren.
Auf dem Weg zum Fahrstuhl hielt er an, schaute sich um und sagte leise:
„Jetzt sieht uns keiner mehr.“
Ich durfte aufstehen.
Er fuhr das Bett.
Ich lief daneben.
Manchmal gewinnt einfach der gesunde Menschenverstand.
Zurück auf Station wartete die nächste gute Nachricht.
Mein alter Zimmernachbar war tatsächlich weg.
Wie?
Ich habe keine Ahnung.
Vielleicht hatte man ihn liegend mit einem Kran durchs Fenster nach unten befördert.
Ich hatte wieder Hoffnung.
Bis zum Mittagessen.
Bohnensuppe.
Schonkost eben.
Ich setzte mich hin, nahm den ersten Löffel und wunderte mich über einen
merkwürdigen Geruch.
Im selben Moment wurde mein neuer Zimmernachbar hereingeschoben.
Der Geruch war geklärt.
Dem Mann ging es sehr schlecht.
Er trug Windeln.
Er musste sich ständig übergeben.
Seine Frau war bei ihm.
Sie wirkte trotz allem erstaunlich gefasst und sagte, sie bringe morgen noch ein paar Sachen vorbei.
Ich dachte nur:
Der Arme.
Aber wenigstens wird es hier wahrscheinlich ruhiger.
Ich machte einen Spaziergang.
Schaute später eine Komödie auf dem Handy.
Zwischendurch wurde mein Zimmernachbar zum MRT gebracht.
Alles wirkte plötzlich fast normal.
Ein Licht am Ende dieses Tunnels.
Bis seine Frau zurückkam.
Ich hatte Kopfhörer auf.
Sie stand irgendwann vor meinem Bett.
Als ich sie bemerkte, weinte sie.
Sie entschuldigte sich sogar dafür.
Ich wusste überhaupt nicht, was los war.
Dann erzählte sie es mir.
Der Krebs.
Endstadium.
Der Magen zerfressen.
Alle Organe betroffen.
Niemand hatte es vorher gewusst.
Man rechnete damit, dass er diese Nacht nicht überleben würde.
In solchen Momenten merkt man, wie schnell einem die eigenen Worte ausgehen.
Und wie schwer Schweigen plötzlich werden kann.
Ich sagte nur, dass es mir unendlich leid tue.
Dann verließ ich das Zimmer.
Nicht, weil ich fliehen wollte.
Sondern weil diese Familie jetzt etwas brauchte, das man im Krankenhaus kaum bekommt.
Ruhe.
Ich ging draußen über zwei Stunden spazieren.
Was sollte ich auch tun?
Eine Komödie auf dem Handy anzusehen fühlte sich plötzlich absurd falsch an.
Als ich zurückkam, saßen acht Menschen im Zimmer.
Seine Frau.
Die Kinder.
Partner.
Enkel.
Sie nahmen Abschied.
Ich blieb draußen.
Das Herz so schwer, als wären meine Gallensteine dahin gewandert und hätten sich
auf die Größe von Felsbrocken aufgebläht.
Eine Schwester sagte mir, sie wüssten selbst noch nicht, wohin mit mir.
Es gebe kein freies Zimmer.
Also lief ich weiter.
Irgendwann saß ich draußen vor dem Krankenhaus.
Es war längst dunkel.
Und obwohl ich selbst als Patient dort war, dachte ich in diesem Moment überhaupt nicht mehr an mich.
Diese armen Menschen machten gerade die Hölle durch.
Da waren meine Gallensteine mehr als nur ein blöder Witz.
Später kam die Familie heraus.
Sie bedankten sich sogar bei mir.
Sie meinten es aufrichtig.
Aber gerade dieser Dank fühlte sich schwer wie ein ganzes Gebirgsmassiv an und trafmich mit der Wucht einer Abrissbirne.
Niemand sollte sich bedanken müssen, wenn man sich einfach nur natürlich und menschlich verhält.
Ein anderer Patient, Manfred, hatte sogar sein Einzelzimmer abgegeben, damit die Familie in Ruhe bei ihm sein konnte.
Ich fand diese Geste unglaublich rührend.
Als ich schließlich wieder auf mein Zimmer durfte, lag dort mein neuer
Zimmernachbar Manfred.
Ich kannte ihn kaum.
Trotzdem werde ich seinen Namen wahrscheinlich nicht mehr vergessen.
Ein ruhiger älterer Herr.
Er erinnerte mich vom Aussehen ein bisschen an Ebenezer Scrooge.
Nur ohne Schlafmütze.
In dieser Nacht war es auf dem Zimmer so still wie noch nie.
Trotzdem konnte ich nicht wirklich zur Ruhe kommen.
Manchmal nimmt man Geschichten von fremden Menschen mit ins Bett.
Und bekommt sie so schnell nicht mehr aus dem Kopf.
Tag 3 – Nach Hause
Am dritten Morgen hatte ich mich erstaunlich schnell an den Krankenhausalltag gewöhnt.
Das ist vermutlich kein gutes Zeichen.
Wenn man morgens automatisch den Arm aus dem Bett hält, obwohl noch gar niemand im Zimmer ist, weiß man, dass man angekommen ist.
Ich hatte außerdem beschlossen, das Mittagessen vom Vortag als völlig ausreichende Nahrungsaufnahme anzusehen.
Eigentlich aus zwei Gründen.
Erstens wusste ich nicht, ob ich diesen berühmten Schlauch vielleicht doch noch schlucken sollte.
Zweitens …
… nach dem Abend zuvor hätte ich ohnehin keinen Bissen herunterbekommen.
Als mein neuer Zimmernachbar – der aussah wie Ebenezer Scrooge nach einer gelungenen Therapie – wieder ins Zimmer gebracht wurde, erfuhr ich, dass der Mannvon der vergangenen Nacht tatsächlich gestorben war.
So etwas bleibt im Kopf.
Auch wenn man sich einredet, dass es das nicht sollte.
Der Krankenhausalltag machte trotzdem einfach weiter.
Er hatte inzwischen etwas Beruhigendes.
Jeden Morgen dieselben Türen.
Dieselben Wagen.
Dieselben Geräte.
Irgendwann wusste man schon am Geräusch des Wagens, ob gleich Blutdruck gemessen oder Blut abgenommen wurde.
Ich war kurz davor, die Reihenfolge auswendig zu lernen.
Auch die inzwischen vertraute Infusion fehlte nicht.
Noch immer ohne Cocktailglas und Papierschirmchen.
Ich finde bis heute, da verschenkt das Gesundheitswesen Potenzial.
Aus Angst vor spontanen Untersuchungen ließ ich vorsichtshalber auch das Frühstück ausfallen.
Man lernt.
Ich machte stattdessen einen kleinen Spaziergang über den Flur.
Nach ein paar Minuten bemerkte ich, dass meine Infusion nicht mehr in mich hineinlief.
Sondern langsam aus meinem Arm heraus.
Ich suchte eine Schwester.
„Entschuldigung … ich glaube, ich bin nicht ganz dicht.“
Sie schaute kurz auf meinen Arm.
„Ja.“
Damit war das vermutlich die kürzeste und gleichzeitig zutreffendste medizinische Diagnose meines Lebens.
Der Zugang musste raus.
Ein neuer durfte allerdings nur von einem Arzt gelegt werden.
Also wartete ich.
Krankenhäuser haben eine ganz eigene Zeiteinheit.
Eine Minute fühlt sich ungefähr an wie die erste Hälfte von „Der Herr der Ringe“.
Nur ohne Hobbits.
Und wenn die Handlung von Mittelerde komplett nach Bottrop verlegt worden wäre.
Irgendwann kam der Arzt.
Die geplante Untersuchung könne entfallen.
Aber Blut brauche man trotzdem.
Also wurde ich wieder angezapft.
Diesmal allerdings nur für die Blutprobe.
Ich fragte:
„Und die Infusion?“
Er schaute mich an.
Er schaute meinen Arm an.
Dann wieder mich.
„Ach ja.“
Offenbar war ich für einen kurzen Moment erfolgreich aus seinem Behandlungskonzept verschwunden.
Also doch noch ein neuer Zugang.
Mittlerweile sahen meine Arme aus wie die eines Fixers mit Pflasterallergie, der zufällig mal in einen Häcksler gefallen war.
Rot.
Zerstochen.
Blaue Flecke, die in Form und Größe stark an Grönland erinnerten.
Meine Arme sahen aus, als hätte jemand Dart auf sie gespielt – allerdings mit Pfeilen,die mit einer Armbrust abgeschossen wurden.
Irgendwann bekam ich einen neuen Zimmernachbarn.
Einen ausgesprochen netten Mann.
Er wusste, dass er Krebs hatte.
Als er erzählte, dass heute seine erste Chemotherapie beginnen sollte, merkte ich sofort, wie mein Kopf den Rest der Geschichte schreiben wollte.
Nach gestern wollte ich das nicht mehr.
Man wird in einem Krankenhaus erstaunlich vorsichtig mit seinen Gedanken.
Also lief ich lieber noch eine Runde über die Station.
Später wurde ich noch einmal zum Ultraschall geschickt.
Die gute Nachricht:
Der Schlauch blieb im Schrank.
Meine Bauchspeicheldrüse hatte sich inzwischen beruhigt.
Wahrscheinlich war sie einfach froh, dass die Gallensteine endlich ihre politische Karriere beendet hatten.
Dann kamen die Blutwerte.
Noch nicht gut.
Aber gut genug.
„Sie dürfen nach Hause.“
Es gibt Sätze, die klingen ein wenig wie ein Engelschor an der Pforte des Paradieses.
Ich nickte wahrscheinlich etwas begeisterter, als medizinisch notwendig gewesen wäre.
Ich packte meine Sachen.
Verabschiedete mich.
Als ich entlassen wurde, bekam ich keinen Blumenstrauß.
Kein Schirmchen.
Nicht einmal eine Limettenscheibe.
Beim Gehen sah ich noch einmal zu Manfreds geschlossener Zimmertür.
Ich betrachtete die Kreuze, die in schöner Regelmäßigkeit an den Wänden hingen.
Im Vorbeigehen nickte ich dem netten Pfleger zu, der meinem Bett eine Extrarunde zum Ultraschall gegönnt hatte.
Draußen stieg ich ins Taxi und fuhr nach Hause.
Mit einer Bauchspeicheldrüse, die sich wieder beruhigt hatte.
Die Gallensteine blieben ebenfalls bei mir.
Wahrscheinlich hatten sie inzwischen einen unbefristeten Mietvertrag.
Und mit der Erkenntnis, dass drei Tage Krankenhaus sich manchmal anfühlen könnenwie drei Leben.
Die Geschichten meiner Zimmernachbarn bekam ich ebenfalls bis heute nicht mehr aus dem Kopf.
Man fährt wegen der eigenen Krankheit ins Krankenhaus.
Und geht oft mit einem Kopf voller fremder Schicksale wieder nach Hause
(Bild wurde in DAZ gerendert)

Comments (9)
Krankenhaus oder besser Gruselkabinett. Da hat wohl jeder schon so einige Erfahrungen gemacht ...
Ja, stimmt wohl leider.
That must have been really tough💦 Please take care of yourself. ('ω')ノ
Thank you so much, tatu09. I'm doing my best :)
Excellent scene, very realististic.
Thank you, Gisela
Erweckt Erinnerungen. Aber an solche netten Krankenschwestern kann ich mich nicht erinnern
Ja, gibt es selten aber hab ich erlebt - erstaunlicher Weise :D
Fantastic work my friend👍🙋♂️
thanks, Saby55
Da kann ich mich nach meinen eigenen Aufenthalten so was von reindenken! Und auf meinem Zimmer war ein altes Muttchen mit Demenz, die am Nachmittag nach Hause sollte. Eine liebe Frau, und dann hat man beschlossen, sie noch einmal zu entwässern. Am Abend war sie fast tot, einfach wie eine Hülle zusammengefallen von dem Wasserverlust... Sie hat geweint. Ich auch...
Au Mann. Solche Gruselgeschichten scheint echt jeder irgendwie in Krankenhäusern erlebt zu haben. Mich hatte das damals recht mitgenommen und komischer Weise am meisten als diese Familie sich bedankte... war irgendwie so falsch und gruselig unangenehm.
Much clarity in your writing, and the sections I read in Deutsch seemed well translated into English. There were some passages where the Deutsch seemed to have more flare or flavor---but total translation is never possible. (Am I correct that "Bundestag" has a more specific meaning to Deutsche (Germans) than "government building"? I'd imagine it does. But to an American, "Bundestag" would be largely unfamiliar: So the more general "government building" is the only good equivalent. Or: Your image of gallstones grown into boulders: In my limited Deutsch, I assume "Felsbrocken aufgeblät" is more colorful: The gallstones were "inflated" into boulders, or formed "inflated boulders"---like balloons. Something like that. I can see why that passage would be impossible to translate literally...the Deutsch is just richer. I wish I knew your language, I would get more richness from your already rich writing.)
You use many simple sentences in your writing to set up a scene. That's very journalistic (something news reporting teaches: Ie, "Monday. Cold. Gray skies. The driver was tired. No: exhausted...") (a fake example.) You do this type of phrasing very well! And then you balance it with longer sentences. And sometimes you conclude everything with long complex sentences, usually with your wonderful humor. I don't mean to get 'pedantic', but your style is very clear, and your contrast between long and short statements is very balanced. You are natural at this. (The kind of sentence I'm talking about: "The kind of stomachache that makes you throw up and slowly gives you the feeling that your internal organs have called an emergency staff meeting." There are many of these in your writing. "Zingers," ja? Geistreiche Bemerkung? But they're more than retorts...they're little descriptive worlds.)
(A great example of brief diction: A common translation of the opening of Camus' "The Stranger": "Mother died today. Or maybe yesterday. I can't be sure. The telegram from the Home says: YOUR MOTHER PASSED AWAY. FUNERAL TOMORROW. DEEP SYMPATHY. Which leaves the matter doubful: It could've been yesterday..." (Me again:) I'm told the French is very similar: But it's brief, yet it has real impact. "It packs a punch," we'd say: It hits the reader in the gut.
Then, timing: (does that word translate? pacing? here's an example:)
She sounded friendly. Far too friendly. “Your blood results are a catastrophe..."
Rhythmically, the three lines are: "boop, boop, BOOM!!!!!" (The last line hits us in the face.) Another thing you're totally natural at. (And btw, I'm very glad you didn't have anything more serious. You described it all with a combination of fear and humor.)
Finally. you don't tell us, immediately, the condition of your roommate with cancer: You let us discover it "with" you. (As it's happening.) And the way you describe him, his family, and your interactions with them, is moving and powerful. You do it honestly and naturally. An old axiom in writing: Show it, don't talk "about" it.
This piece is as funny as your other pieces, but you get profound as well...describing your feelings about the sick patients (and their families) with much clarity and honesty. I hope I haven't analyzed this to death: But you have a very natural, clear and honest style. And, like your art, it gets very moving too. A really fine piece. And the image is perfect too. (Perfect expression on your face.)
Wow. Mark, thank you. Are you a critic by profession, or something like that? Your analyses and comments are always so precise—I’ve never really seen anything like it before, and I find it fascinating. In Germany, I think our Bundestag is the closest equivalent to the US Capitol. As for sentence length... well, I think I used to use more long, convoluted sentences in older stories, though I suspect they were often hard for readers to follow. I’ve been working on keeping things a bit shorter and punchier to improve the flow. I just hope it doesn't sound too much like a dry news report now. I’m really glad the message came across. That experience stayed with me for a long time because the gratitude shown by that family—people I didn't even know—hit me with unexpected intensity. I also struggled a bit to write it down without sounding too weird, while still maintaining a touch of humor. I’m really happy if I managed to pull that off.
there's nothng wrong with long sentences...and if you feel the urge to use them, that's great. I'm just responding to what you post. And no, it doesn't sound dry or news-like at all! Your spirit, punch and humor make it all sing. And your mix of humor with life-and-death feelings is, to me, as natural as they can be. In my reply to your comment (on a musical story that you read), I wrote a paragraph on your writing (in reply to something in your very kind comment). If you saw it, great; but if you didn't (if the ebot didn't come through or whatever), it's a more general appreciation of your writing. You have many talents, and they're worth all the excitement that you can get!
ps---i'm not a professional critic, I just have a big mouth!
Yes, I saw that nice comment on my comment. Thank you very much. And I love it when you say such nice and detailed things about my work :D