Die Meeresgeist – Blechdose mit Kampfauftrag (Teil 3 von 4) by lordi
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Description
Die Meeresgeist glitt weiter durch die Tiefe.
Langsam.
Sehr langsam.
Und ungefähr in die Richtung, in die sie ihrer Meinung nach fahren sollte und den Feind vermutete.
Eine ganze Weile geschah nichts, was zunächst durchaus beruhigend war. Dann allerdings langsam langweilig wurde und schließlich bei Otto Barsch zu ersten Anzeichen körperlicher Unruhe führte.
Er stand inzwischen zum dritten Mal auf, setzte sich wieder hin und betrachtete anschließend die Auslöser der Torpedos mit fast kindlicher Neugierde.
„Wie lange dauert eine Feindfahrt normalerweise?“
Albrecht sah ihn an.
„Woher soll ich das wissen?“
„Sie sind der Kommandant.“
„Wir sind das erste Unterseeboot der Flotte.“
Otto dachte darüber nach.
„Dann dauert sie vermutlich so lange, bis etwas schiefgeht.“
Albrecht schwieg.
Otto nickte.
„Also nicht mehr lange.“
Die Meeresgeist glitt weiter.
Dann hielt Willi plötzlich inne.
Er hatte die Glaskuppel die ganze Zeit über aufmerksam beobachtet.
Was unter Wasser allerdings hauptsächlich bedeutete, dass er Wasser beobachtet hatte.
Sehr viel Wasser.
„Herr Kapitän.“
Albrecht drehte sich zu ihm.
„Was?“
„Da vorne ist etwas.“
Sofort wurde es still.
Sogar Otto setzte sich gerade hin und sah hoffnungsvoll auf.
Albrecht drängte Willi aus der engen Kuppel, um selbst einen Blick zu werfen.
Zunächst sah er nichts.
Dann noch einmal nichts.
Und dann …
Tatsächlich!
Da war etwas.
Eine dunkle Form.
Weiter vorne.
Otto war sofort hellwach.
„Ein Schiff?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“
„Ein Felsen?“
„Keine Ahnung.“
„Ein Wal?“
„Keine Ahnung.“
Otto nickte.
„Dann ist es wahrscheinlich ein feindliches Schiff.“
Albrecht sah ihn an.
„Wie kommst du darauf?“
Otto zuckte mit den Schultern.
„Ein Wal wäre anmutiger und nicht so dumm, sich uns zu nähern.“
Das war erstaunlicherweise nicht das schlechteste Argument, das Albrecht an diesem Tag gehört hatte.
„Auftauchen“, befahl er.
„Aber leise.“
Willi sah ihn an.
„Leise?“
Albrecht überlegte kurz.
„So leise, wie dieses Boot eben kann.“
Fritze verzog das Gesicht.
„Dann sollten wir vorher vielleicht alle aussteigen.“
Albrecht ignorierte ihn.
„Auftauchen.“
Die Meeresgeist begann langsam aufzusteigen.
Sehr langsam.
Zunächst passierte nichts.
Dann begann irgendwo im Inneren des Bootes etwas zu quietschen.
Ein Rohr klopfte.
Ein Ventil zischte.
Und die Dampfmaschine, die seit einiger Zeit stillstand, machte aus nicht näher bekannten Gründen plötzlich:
Tock.
Alle sahen Fritze an.
„Was war das?“
Fritze zuckte mit den Schultern.
„Wahrscheinlich nichts.“
„Wahrscheinlich?“
Tock.
Fritze dachte kurz nach.
„Zumindest nichts Neues.“
Die Meeresgeist stieg weiter.
Noch einen Meter.
Dann noch einen.
Schließlich durchbrach die Glaskuppel die Wasseroberfläche.
Willi wischte mit dem Ärmel über das beschlagene Glas.
„Ich sehe etwas.“
Albrecht trat näher.
In einiger Entfernung lag tatsächlich ein Schiff.
Oder zumindest etwas, das bei dem schlechten Licht sehr überzeugend wie eines aussah.
Ein alter Segler.
Groß.
Dunkel.
Mit mehreren Masten. An den Seiten befanden sich große Schaufelräder und irgendwo am Heck stieg ein dünner Rauchfaden auf.
„Was ist das für ein Schiff?“, fragte Otto.
Niemand wusste es.
Das war ungünstig.
Immerhin hatte die kaiserliche Marine eine genaue Vorstellung davon, was man mit feindlichen Schiffen machen sollte.
Man sollte sie versenken.
Es war nur hilfreich, vorher zu wissen, ob es sich tatsächlich um ein feindliches Schiff handelte.
Albrecht dachte nach.
„Was ist das denn?“
Willi betrachtete das Schiff.
„Ein Segelschiff.“
Otto schüttelte den Kopf.
„Hat Räder.“
„Dann eben ein Schiff mit Rädern.“
„Das ist aber ungewöhnlich.“
„Otto.“
„Ja?“
„Wir befinden uns in einer dampfbetriebenen Blechdose unter Wasser.“
Otto dachte darüber nach.
„Stimmt.“
Eine kurze Pause.
„Dann ist das da vermutlich trotzdem ungewöhnlich.“
Albrecht sah erneut hinüber.
Das Schiff lag ruhig auf dem Wasser und es hatte sie offenbar noch nicht bemerkt.
Zumindest hoffte Albrecht das.
Bei der Menge an Geräuschen, die die Meeresgeist beim Auftauchen produziert hatte, war allerdings durchaus möglich, dass man sie bereits seit zehn Minuten beobachtete und nur zu höflich gewesen war, um sie sofort zu versenken.
„Können wir erkennen, zu wem es gehört?“
Willi schüttelte den Kopf.
„Zu dunkel.“
„Flagge?“
„Sehe ich nicht.“
Otto beugte sich vor.
„Ich kann da hinten jemanden stehen sehen.“
Albrecht sah genauer hin.
„Wo?“
„Da.“
„Das kann alles sein.“
„Sieht aber feindlich aus.“
„Woran erkennst du das?“
Otto dachte kurz nach.
„Er steht da ziemlich feindlich, finde ich.“
Albrecht schloss für einen Moment die Augen, dann atmete er tief durch.
„Wir gehen in Position.“
Otto strahlte.
„Jetzt wird geschossen?“
„Noch nicht.“
Otto sah enttäuscht aus.
„Aber bald?“
Albrecht sah auf das unbekannte Schiff.
Dann auf die beiden Torpedorohre.
Dann wieder auf das Schiff.
„Bald.“
Otto nickte zufrieden und machte dabei ein Geräusch, das endlose Freude ebenso wie grenzenlosen Wahnsinn ausdrücken konnte.
Sie begannen, sich langsam an das Schiff heranzuarbeiten.
Willi stand an der Steuerung.
Albrecht beobachtete das Ziel.
Fritze kümmerte sich um die Maschine.
Otto kümmerte sich um nichts.
Er stand einfach bei den Torpedos und wartete.
Nach einigen Minuten waren sie in Position.
„Abstand?“, fragte Albrecht.
Willi sah hinaus.
„Vielleicht zweihundert Meter.“
„Gut.“
Otto hob bereits die Hand.
„Welches Rohr?“
Albrecht deutete auf das obere.
„Das da.“
Otto nickte.
„Warum das obere?“
„Weil das untere darunter ist.“
Otto dachte kurz darüber nach.
„Das klingt logisch.“
Albrecht wollte gerade etwas sagen, als Fritze bereits die nächste Anweisung gab.
„Torpedo aufziehen.“
Otto packte die Kurbel und drehte.
Einmal.
Zweimal.
Zehnmal.
Otto wurde langsam rot im Gesicht.
„Wie lange muss ich drehen?“
Fritze zuckte mit den Schultern.
„Bis er fertig ist.“
„Woran erkenne ich das?“
„Er müsste irgendwann anders klingen.“
Otto hielt inne.
„Wie klingt er denn jetzt?“
Beide lauschten.
Der Torpedo machte:
Tick.
Otto sah Fritze an.
„Das war anders.“
Fritze nickte.
„Dann ist er vermutlich fertig.“
„Torpedoklappen öffnen.“
Otto zog an einem Hebel.
Klonk.
Nichts geschah.
Er zog noch einmal.
KRRRRRRAAAAAANG.
Mit einem Geräusch, als würde jemand einen rostigen Kleiderschrank unter Wasser zerlegen, indem er mit einem vollen Besteckkasten darauf schlug, öffneten sich die Klappen.
Sofort drang Wasser in das Rohr.
Otto sah hinein.
„Das ist jetzt aber nicht gut. Jetzt wird der Torpedo ja ganz nass.“
„Das muss so“, meinte Fritze.
„Sicher?“
Fritze sah auf seine Notizen.
„Ziemlich.“
Albrecht stand derweil in der Glaskuppel und biss die Zähne zusammen. Bei dem Krach, den sie bis hier gemacht hatten, erwartete er fast, Lichtsignale vom anderen Schiff zu sehen: „Bitte Ruhe, wir wollen schlafen.“
Aber das fremde Schiff lag noch immer ruhig auf dem Wasser.
Keine Bewegung.
Kein Alarm.
Kein Verdacht.
Perfekt.
Otto riss die Augen auf.
„Dann kann ich ja das Geschütz klarmachen!“
„Was? Nein!“, sagte Albrecht.
Aber Otto war bereits unterwegs.
Er kletterte nach hinten zum Heckgeschütz und begann dort mit großer Begeisterung an Hebeln, Kurbeln und allem zu drehen, was sich irgendwie drehen ließ.
Klonk. Ratsch. Klirr.
Albrecht zuckte zusammen.
„Otto!“
„Alles unter Kontrolle!“
KRRRANG!
Albrecht sah zu Fritze.
„Was macht er?“
„Das Geschütz bereit.“
„Kann er das?“
Fritze zuckte mit den Schultern.
„Er hat es noch nie gemacht.“
Albrecht verdrehte genervt die Augen, ehe er wieder zu Fritze sah.
„Ist der Torpedo bereit?“
Fritze lauschte einen Moment.
Tick.
Er nickte.
„Klingt zumindest nicht kaputt.“
Albrecht schloss kurz die Augen und griff dann nach dem Auslöser.
„Feuer.“
Otto brüllte vom Heck:
„ICH BIN NOCH NICHT FERTIG!“
Albrecht drückte ab.
KLONK!
Für einen Moment geschah nichts.
Dann schoss der obere Torpedo aus dem Rohr.
Mit einem lauten PLATSCH! und einer deutlich sichtbaren Spur aus Blasen und aufgewühltem Wasser.
FSSSSSSSCH!
Der Torpedo schoss aus dem Rohr.
Eine Spur aus Blasen zog sich durch das Wasser.
Geradeaus.
Sehr geradeaus.
Direkt auf das fremde Schiff zu.
Fortsetzung in Teil 4....
(Bild wurde in Daz Gerendert)

Comments (3)
Excellent.
Thanks, Gisela
So spannend wie der Überfall auf Scapa Flow
Danke dir. Ich glaub aber, es endet morgen etwas anders :D
Mensche! Alter! (I'm trying to do this auf Deutsch:) Ich glaub, ich spinne! (how's this one:) Ich glaub, mein Schwein pfeift! I have nooooo idea if I've just insulted the hell out of you, or just sounded like a total Blödian (idiot---Dummkopf) (I'm told "Dummkopf" is pretty old fashioned.) What I'm trying to say is: I have no time now to read Part 4, and you left us all suspended in mid air, and I'm having a nervous breakdown! In English, this is a cliffhanger. (Die Zitterpartie???) Leaving us with that ending: Dude! I won't be able to get anything done today! Ok. I'm calming down. Onto the tale...
(and btw: "pfeift" is a reeeeallllly Deutsch word. I mean we don't have anything close to that spelling. There are just some words that belong to one language, and that's one of them. The whole "pf" and then "ft". That's deutsch, sir! Anyway...)
This chapter is loaded with great fun dialogues of what we call (in english) a "comedy of errors". Not specifically referring to the famous play (Shakespeare), but just a bunch of characters who just can't get anything right. Verwechslungskomödie? (which is another very Deutsch word, btw! You guys combine words like a bunch of dna chains...)
Anyway, I love the dialogues. (Max picked up on them too.) I'm waiting for someone in the submarine to scream, "uh---does anyone have a clue what's going ON here???" Those little chunks of dialogue are what stand-up comics call "comedy gold". You have all these military experts, with lines like: "Which tube?” Albrecht pointed at the upper one. “That one.” Otto nodded. “Why the upper one?” “Because the lower one is underneath it.” Otto thought about that. “That makes sense.”... (This is where a character would say: "Ohhhh, we're in DEEP trouble...")
THere are several. (And from my limited knowledge of Deutsch, they translated quite well.)
And lines like "then slowly it became boring"...You had one line that stood out---it took me a minute to think about it, then it was perfect: "Mit einem Geräusch, als würde jemand einen rostigen Kleiderschrank unter Wasser zerlegen, indem er mit einem vollen Besteckkasten darauf schlug, öffneten sich die Klappen." That's a complex image! But after thinking about it, it was perfect. And any sentence that uses "Kleiderschrank" and "Besteckkasten" in the same sentence is good, in my book! (For English speakers, those are great words!) (The whole concept of beating a wardrobe with a cutlery drawer---that's poetry, sir!)
I'm also very relieved to see that "klonk" works in both languages. (Ya just don't wanna lose words like that, in translation...)
Or the lines: „Feuer.“ „ICH BIN NOCH NICHT FERTIG!“ (Verwechslungskomödie...this is verbal slapstick...Klamauk? ja?) Almost Vaudeville. (The Doctor: "Take a chair." The Patient: "Thanks, I'll take it on my way out..." Etc...) All that military training, an no one has a clue what's going on. Delightful!
This is really funny, lordi. Really well written. Now i have to wait 'till midnight to see if the world blew up. (I was reading, and thinking: Oh, don't end here, please!!!! And you ENDED there! Ah well...) A real delight!
laughs First of all, no—I’m not mortally offended. Okay, if we were statesmen, our countries would be at war by now, but otherwise, we’re all good laughs. And I’m grinning from ear to ear right now. I think you’re the first person in the world to describe a sentence containing "cutlery tray" and "wardrobe" as poetry :D And yes, in German, we sort of have this weakness for stringing together massive chains of words—the kind that make a non-German (and even some Germans) feel like their larynx is about to burst and their tongue is tying itself in knots when they try to pronounce them. Don’t ask me why. Anyway, Part 4 is online and eagerly awaiting your keen eyes :D