Die Meeresgeist – Blechdose mit Kampfauftrag (Teil 1 von 4) by lordi
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Description
Am besten unsichtbar.
Natürlich unbesiegbar.
Und im Idealfall unsinkbar.
Drei Eigenschaften, die man sich gemeinhin von einem Kriegsschiff wünschte.
Die Meeresgeist, das stolze Geheimprojekt der kaiserlichen Marine, erfüllte allerdings zunächst nur zwei davon.
Das mit dem Unsinkbar war bei ihr ohnehin etwas komplizierter. Es wäre hier eher kontraproduktiv zu nennen.
Bei einem gewöhnlichen Kriegsschiff war es durchaus von Vorteil, nicht unterzugehen. Man baute es, ließ es zu Wasser und hoffte anschließend, dass es dort auch blieb. Wie ein Metallkorken mit Bewaffnung eben.
Die Meeresgeist hingegen sollte von Anfang an gezielt sinken.
Absichtlich.
Das war schließlich ihr ganzer Zweck.
Sie sollte unter der Wasseroberfläche verschwinden, sich ungesehen dem Feind nähern und aus den Tiefen zuschlagen.
Ein durchaus beeindruckendes Konzept.
Allerdings nur, wenn sie anschließend wieder auftauchte.
Genau an diesem Punkt gingen die Meinungen der kaiserlichen Marine, der Konstrukteure und einiger Männer, die das Boot tatsächlich betreten sollten, noch ein wenig auseinander.
Aber das war bei einem Geheimprojekt nicht ungewöhnlich.
Wenn niemand genau wusste, wie etwas funktionierte, konnte man es immerhin als hochentwickelte Technologie bezeichnen.
Das klang besser als „Wir probieren das jetzt einfach mal aus und hoffen das Beste“.
Und so lag die Meeresgeist an diesem Morgen am Kai.
Das erste Unterseeboot der kaiserlichen Flotte.
Ein Wunderwerk moderner Ingenieurskunst.
Eine Waffe, die ihrer Zeit weit voraus war.
Zumindest theoretisch.
Praktisch bestand sie aus erstaunlich viel Metall, das bereits Dienste in anderen Schiffen, Heizkesseln und diversen Blechspielzeugen geleistet hatte.
Noch erstaunlich viel mehr Rohren und einer Dampfmaschine, die den Eindruck vermittelte, als würde sie die nächsten zehn Jahre entweder hervorragende Arbeit leisten oder explodieren.
Möglicherweise beides.
Die Marine hatte für dieses außergewöhnliche Schiff selbstverständlich auch eine außergewöhnliche Besatzung zusammengestellt.
Die Besten der Besten sollten es sein.
Hochmotivierte Männer.
Erfahrene Seeleute.
Furchtlose Patrioten.
Leider hatte sich der durchschnittliche Seemann mit dem Gedanken, künftig auf einem Schiff zu dienen, das seine Existenzberechtigung daraus bezog, sich absichtlich unter die Meeresoberfläche zu begeben, nicht so recht anfreunden können.
Es hatten sich daher hauptsächlich diejenigen freiwillig gemeldet, die entweder ein außergewöhnliches Vertrauen in die kaiserliche Marine besaßen oder nicht ganz verstanden hatten, worum es ging.
Die Marine entschied sich für beides.
So stand die Besatzung nun oben auf der Meeresgeist.
Stramm.
In voller Uniform.
Mit jener würdevollen Haltung, die man von Männern erwartete, die gerade dabei waren, als erste Besatzung der kaiserlichen Marine Geschichte zu schreiben.
Niemand sah ihnen an, dass einige von ihnen lieber auf einem ganz normalen Schiff gestanden hätten.
Einem Schiff, dessen Ziel es war, NICHT sofort unter dem Meer zu verschwinden.
Bewaffnet war die Meeresgeist natürlich ebenfalls.
Schließlich handelte es sich um eine Wunderwaffe.
Und eine Wunderwaffe ohne Waffen wäre im Grunde nur ein ziemlich teures Ding, bei dem man sich wundert, wofür es eigentlich da ist.
Hinten auf dem Deck zunächst das versenkbare Geschütz.
Niemand war sich ganz sicher, ob es sich dabei um eine Kanone, ein Maschinengewehr oder eine besonders entschlossene Rohrleitung handelte. Es war jedenfalls auf dem Boot montiert und konnte Dinge beschießen.
Das reichte der Marine als technische Beschreibung vollkommen aus.
Zuständig dafür war der Waffenexperte der Besatzung, Kanonier Otto Barsch.
Er hatte bereits mehrfach mit Schusswaffen zu tun gehabt, konnte eine Kanone von einem Anker unterscheiden und hatte sogar einmal das Handbuch für die neuen Torpedos gelesen.
Vor drei Wochen.
Im betrunkenen Zustand.
Damit war er, zumindest nach den Maßstäben der kaiserlichen Marine, der ideale Mann für die Bewaffnung eines völlig neuartigen Unterseebootes.
Für größere Ziele verfügte die Meeresgeist über zwei Torpedorohre.
Ein bahnbrechendes Konzept sollte es sein.
Denn wenn man schon keine Erfahrung mit Unterseebooten hatte, konnte man wenigstens stapeln.
Zwei Rohre übereinander, aus denen die tödlichen Torpedos – genannt „Aale“ – abgeschossen werden konnten.
Übereinander.
Das hatte mehrere Vorteile.
Zum einen sparte es Platz.
Zum anderen sah es beeindruckend aus.
Ein Punkt, der bei einem getauchten Boot natürlich nicht außer Acht gelassen werden durfte, um den Feind zu demotivieren.
Die dazugehörigen Torpedos waren eine besondere technische Errungenschaft.
Sie sollten selbstständig ihren Kurs berechnen, das Ziel suchen und es zuverlässig treffen.
Das war zumindest die Idee.
Die tatsächlichen Torpedos waren längliche Bomben mit einem Aufziehmotor und einem umgebauten Quirl als Antrieb.
Man zog hinten an einer kleinen Kurbel.
Lange und mit Kraft.
Dann wartete man kurz.
Und anschließend fuhr das Ding geradeaus.
Sehr geradeaus.
So geradeaus, dass man schon beinahe von Charakterstärke sprechen konnte.
Das hatte den Vorteil, dass ein Torpedo niemals von seinem Weg abkam.
Es sei denn, die Wellen waren höher als erwartet.
Oder eine Strömung kam dazwischen.
Oder jemand hatte den Torpedo nicht ganz gerade ausgerichtet.
Oder das Ziel bewegte sich.
Was bei Schiffen bedauerlicherweise recht häufig vorkam.
Die Marine bezeichnete die Waffe trotzdem als „zielsuchend“.
Man wollte schließlich nicht kleinlich sein.
Immerhin suchten sie ja irgendwie ein Ziel, und das Wort „treffen“ kam hier ja auch gar nicht vor.
So hatte man sich mit diesem Punkt auch eher sekundär befasst.
Was allerdings erst später auffiel, war die Tatsache, dass sich die Torpedoschächte nach außen öffnen mussten.
Das war für das Abfeuern der Torpedos durchaus hilfreich.
Für das anschließende Auftauchen hingegen eher weniger.
Genauer gesagt: War einer der beiden Schächte geöffnet, war die Sache mit dem Auftauchen im Grunde bereits erledigt.
Man hatte also ein Unterseeboot konstruiert, das zum Schießen auftauchen musste.
Das war nicht ganz das, was man sich unter einer geheimen Unterwasserwaffe vorgestellt hatte.
Aber es war zumindest ehrlich.
Der Waffenexperte Otto war jedenfalls trotz kleinerer Mängel von diesem System begeistert.
Aber er war von allem begeistert, das irgendwie knallte, explodieren konnte oder zumindest ansatzweise gefährlich wirkte.
Er hatte zwar noch nie einen Torpedo abgefeuert, war aber der festen Überzeugung, dass man dabei eigentlich nicht viel falsch machen konnte.
Der Maschinist – Friedrich „Fritze“ Klotz – sah das etwas anders.
Er sah grundsätzlich alles etwas anders.
Vor allem Maschinen.
Er behauptete, die Dampfmaschine habe eine eigene Persönlichkeit und müsse entsprechend behandelt werden.
Man munkelte, er hätte bereits mehrere intime Beziehungen mit Dampfkesseln, Kaffeekochern und sogar einer Schreibmaschine gehabt.
Aber beweisen konnte man es nie.
Zumindest war seine Liebe für Maschinen der Grund, warum so manches abenteuerliche Gerät überhaupt zu Diensten war und nicht auf der Stelle den Aggregatzustand von „Steht da“ zu „Fliegt in Einzelteilen durch die Gegend“ wechselte.
Auf der Meeresgeist bestand die Hauptmaschine natürlich aus einer Dampfmaschine.
Sehr schlau.
Hier fiel den Ingenieuren sogar auf, dass so ein befeuerter Kessel unter Wasser etwa so nützlich war wie ein Sturzhelm aus feuchter Pappe.
Also bauten sie es so, dass die Meeresgeist über Wasser normal mit Dampf lief und dafür einen versenkbaren Schornstein besaß, dessen Rauchwolke man wohl auch problemlos bei Betrieb vom Mond aus hätte sehen können.
Tauchte sie, wurde der Schornstein eingefahren und der Antrieb funktionierte nun mit Batterien.
Batterien von 1860 also.
Leistung: etwa zwanzig Minuten, ehe sie leer waren.
Gewicht: etwa das Gesamtgewicht des halben Bootes.
Sicherheit: theoretisch vorhanden.
Wilhelm „Willi“ Kruse, der Steuermann der Meeresgeist, hingegen vertraute auf seine Erfahrung.
Er war ein hervorragender Steuermann.
Auf Schiffen.
Über Wasser.
Unter Wasser sah die Sache anders aus, denn dort gab es hauptsächlich Wasser.
Und wenn man lange genug in eine Richtung fuhr, sah es unter Wasser erstaunlicherweise immer noch genauso aus wie vorher.
Und um ihm das zu zeigen, hatte man oben auf dem Turm des Bootes eine Glaskuppel angebracht.
Ohne Scheibenwischer.
Der war ja noch nicht erfunden.
Ebenso wenig wie ein Scheinwerfer, der unter Wasser ohne Kurzschluss seinen Dienst tun konnte.
Der Kommandant, Kapitän Albrecht von Rabenhorst, war der einzige Mann an Bord, der tatsächlich wusste, was er tat.
Zumindest behauptete er das.
Denn hätte er es gewusst, wäre er besser desertiert, als sein Leben einer Sardinendose anzuvertrauen, bei der die Sardinen außen vorbeischwammen.
Er hatte überhaupt nicht vorgehabt, U-Boot-Kommandant zu werden.
Er bekam die Pläne des Bootes vorab zu sehen und hatte seinen Vorgesetzten darauf hingewiesen, dass die Meeresgeist eine ziemlich schlechte Idee sei.
Der Vorgesetzte fand seine kritische Analyse hervorragend.
Und ernannte ihn daraufhin zum Kommandanten.
„Sie scheinen einer der wenigen Männer zu sein, die verstanden haben, was an diesem Boot alles schiefgehen kann.“
„Danke, Herr Admiral.“
„Deshalb sind Sie jetzt dafür verantwortlich.“
Irgendjemand musste schließlich verantwortlich sein.
Und als Albrecht aus seiner Ohnmacht erwachte, war er schon an Bord gebracht worden.
Und so war die Besatzung nun vollständig.
Vier Männer, eine Wunderwaffe, die nicht so ganz ausgereift war, und eine Admiralität, die sich vor allem durch Überheblichkeit und blankes Technikvertrauen auszeichnete.
Die kaiserliche Marine nannte das eine schlagkräftige Einheit.
Andere hätten möglicherweise den Begriff Knallschoten verwendet.
Fortsetzung in Teil 2....
(Bild wurde in Daz Gerendert)

Comments (2)
The render is beautiful.
Thank you, Gisela
Wieder mal eine amüsante Geschichte. Und ein sehr "realistisches" Bild
Vielen Dank, illkirch Bin gespannt wie die anderen teile gefallen werden.