Eine Woche in der W-Lan Wüste by lordi
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Description
Dienstag – Tag 1: Kontaktabbruch
Dienstag.
Internet weg.
Festnetz weg.
Netflix… in einer anderen Dimension.
Die große Stille beginnt.
Der erste Schock sitzt schon eine Woche vorher, als ich erfahre: Der neue Provider braucht „noch
etwas“.
Etwas.
Ich vermute: ein Blutopfer.
Wahrscheinlich muss erst ein Druide in Peru ein Kabel weihen.
Oder weil das Internet offensichtlich per Brieftaube geliefert wird – und die ist gerade in Elternzeit.
Ich besorge mir einen mobilen Router. So ein Gerät, das Hoffnung verspricht, aber in meiner
Wohnung – eine Art architektonischer Mittelfinger an jegliche Funkverbindung – funktioniert er in
etwa wie ein Megafon unter Wasser.
Meine Bude besteht aus mehr Stahlbeton als ein sowjetischer Panzerfriedhof.
Funkwellen kommen hier nicht durch.
Empfang?
Wenn überhaupt, dann flackert er wie ein Teelicht im Wind.
Meine SMS kommen mit der Geschwindigkeit eines schüchternen Faultiers, das rückwärts
schwimmt.
Meist kommen sie an – aber nur montags.
Vom Dienstag davor.
Telefonieren ist eine spirituelle Übung: Man ruft an und betet.
Ein Dosentelefon mit nasser Schnur hätte bessere Chancen.
Oder Rauchzeichen.
Ich schicke eins. Antwortet aber keiner.
Mittwoch – Tag 2: Nomadentum
Ich laufe durch die Wohnung mit dem Router in der Hand, als wär’s ein Wünschelruten-Workshop.
Wenn mich einer sieht wird er denken ich bin eine Mischung aus Indiana Jones auf der Suche nach
dem heiligen Gral und einem Morgenmantel-Gandalf bei einem verrückten Beschwörungstanz.
Ich suche den einen Balken.
Einen!
Aber der Empfang ist instabiler als eine Beziehung zwischen zwei Narzissten.
Ich halte das Ding über den Kopf, unters Fenster, ins Klo.
Nix.
Internet ist jetzt ein Glücksspiel.
Nur ohne Gewinnchance.
Man klickt auf eine Seite – sie lädt.
Dann friert sie ein.
Dann stürzt sie ab.
Dann erscheint die Nachricht:
„Keine Verbindung.“
Danke.
Hab ich gemerkt.
Donnerstag – Tag 3: Rückfall ins Prämoderne
Der Frust ist jetzt körperlich.
Ich knurre.
Ich fluche.
Ich beginne, mit dem Router zu sprechen.
Ich taufe ihn „Wilson“.
Nach dem Volleyball aus Cast Away.
Weil es passt.
Ich bin gestrandet in der digitalen Einöde,
mein Router ist mein einziger Freund –
und er antwortet mir nicht.
Vermutlich mit Absicht.
Oder aus Trotz.
Ich fange an, Kaffeefilter zu falten und überlege, wie man Faxgeräte selbst baut.
1990 ruft an.
Ach nee, war ja kein Empfang.
Freitag – Tag 4: Wahn in HD
Wilson spricht mit mir.
Ich schwöre.
Nicht laut.
Aber so passiv-aggressiv wie jemand, der dir beim Verhungern Brot anbietet und dann sagt: „Aber
iss nicht alles.“
Ich zappe durch das „normale“ Fernsehen.
Also echtes Fernsehen.
Mit Werbung.
Nach drei Spots über Intimwaschlotion, Zahnimplantate und Treppenlifte weiß ich:
Ich bin im Fegefeuer.
Und das läuft auf ZDF.
Samstag – Tag 5: Digitale Steinzeit
Internetnutzung ist eine Legende aus vergangenen Tagen.
Ich sitze da, schau mir die Wand an und überlege, ob ich Serienbilder in Kohle zeichnen kann.
„Hier sieht man Staffel 1 von Breaking Bad, da kochen sie zum ersten Mal Crack“
Wilson blinkt jetzt sogar, wenn er aus ist.
Ich bilde mir das nicht ein.
Ich weiß, wie Sarkasmus in LED aussieht.
Ich versuche, mit ihm zu verhandeln.
„Gib mir 20 Minuten Netflix – du bekommst eine Steckdose nur für dich.“
Nichts.
Wilson antwortet mit flackerndem Hochmut.
Sonntag – Tag 6: Stockholm-Syndrom
Ich hasse Wilson.
Und liebe ihn.
Wie eine toxische Beziehung mit 12-Volt-Anschluss.
Er gibt mir Internet.
Ganz kurz.
Wie ein Drogendealer mit Gewissen:
„Hier. Zwei Minuten YouTube. Und jetzt verpiss dich.“
Ich sitze auf dem Sofa und rede mit ihm.
Er sendet Zeichen.
Ich deute sie wie ein Schamane mit WLAN-Trauma.
Und siehe da:
Eine Seite lädt.
Langsam.
Aber sie lädt.
Wilson, du elender Bastard, du bist mein einziger Freund.
Und mein größter Feind.
Es ist kompliziert.
Montag – Tag 7: Befreiung
Der Techniker kommt.
Ein Mensch. Mit Werkzeug.
Er öffnet die Dose.
Und plötzlich...
Internet.
Es fließt.
Es rauscht.
Ich höre die Stimme von Netflix: „Willkommen zurück, du hast 14 Serien verpasst.“
Ich umarme den Techniker.
Er weicht aus.
Wilson wird entmachtet.
Aber ich baue ihm einen kleinen Altar.
Aus alten LAN-Kabeln und meiner letzten SMS.
Denn, so sehr er mich auch gequält hat:
Er war da.
Immer.
Unfähig.
Aber da.

Comments (7)
Nioce.
Thanks, Gisela
Herrlich, einfach herrlich, erinnert mich an die Geschichte mit dem Schnee :D
Aber im Ernst, ich sah das thumb, ich las den Titel und wußte sofort, es handelt sich um das deutsche Internet und/oder die Mobilfunk-Katastrophe.
Vielen Dank, Nena, aber welche Geschichte mit dem Schnee meinst du? Da steh ih gerade auf dem Schlauch als wenn Wilson versucht ins Netz zu kommen :)
Ah, Mail eben erst gelesen. Schneefrage geklärt :D
Nein, den Schnee meinte ich nun nicht, das Bild folgt noch, sobald ich es gefunden habe :D Ich meinte diesen Schnee:
Ich mag Schnee
Dezember, 18:00 Uhr Es hat angefangen zu schneien. Der erste Schnee in diesem Jahr. Meine Frau und ich haben unsere Cocktails genommen und stundenlang am Fenster gesessen und zugesehen, wie riesige, weiße Flocken vom Himmel herunter schwebten. Es sah aus wie im Märchen. So romantisch – wir fühlten uns wie frisch verheiratet. Ich liebe Schnee.
Dezember Als wir wach wurden, hatte eine riesige, wunderschöne Decke aus weißem Schnee jeden Zentimeter der Landschaft zugedeckt. Was für ein phantastischer Anblick! Kann es einen schöneren Platz auf der Welt geben? Hierher zu ziehen war die beste Idee, die ich je in meinem Leben hatte. Habe zum ersten Mal seit Jahren wieder Schnee geschaufelt und fühlte mich wieder wie ein kleiner Junge. Habe die Einfahrt und den Bürgersteig freigeschaufelt. Heute Nachmittag kam der Schneepflug vorbei und hat den Bürgersteig und die Einfahrt wieder zugeschoben, also holte ich die Schaufel wieder raus. Was für ein tolles Leben!
Dezember Die Sonne hat unseren ganzen schönen Schnee geschmolzen. Was für eine Enttäuschung. Mein Nachbar sagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll, wir werden definitiv eine weiße Weihnacht haben. Kein Schnee zu Weihnachten wäre schrecklich! Sepp sagt, dass wir bis zum Jahresende so viel Schnee haben werden, dass ich nie wieder Schnee sehen will. Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Sepp ist sehr nett – ich bin froh, dass er unser Nachbar ist.
Dezember Schnee, wundervoller Schnee! 30 cm letzte Nacht. Die Temperatur ist auf -20 Grad gesunken. Die Kälte läßt alles glitzern. Der Wind nahm mir den Atem, aber ich habe mich beim Schaufeln aufgewärmt. Das ist das Leben! Der Schneepflug kam heute Nachmittag zurück und hat wieder alles zugeschoben. Mir war nicht klar, dass ich soviel würde schaufeln müssen, aber so komme ich wieder in Form. Wünschte, ich würde nicht so pusten und schnaufen.
Dezember 60 cm Vorhersage. Habe meinen Kombi verscheuert und einen Jeep gekauft. Und Winterreifen für das Auto meiner Frau und zwei Extra-Schaufeln. Hab den Kühlschrank aufgefüllt. Meine Frau will einen Holzofen, falls der Strom ausfällt. Das ist lächerlich – schließlich sind wir nicht in Alaska.
Dezember Eissturm heute morgen. Bin in der Einfahrt auf den Arsch gefallen, als ich Salz streuen wollte. Tut höllisch weh. Meine Frau hat eine Stunde gelacht. Das finde ich ziemlich grausam.
Dezember Immer noch weit unter Null. Die Straßen sind zu vereist, um irgendwohin zu kommen. Der Strom war 5 Stunden weg. Mußte mich in Decken wickeln, um nicht zu erfrieren. Kein Fernseher. Nichts zu tun, als meine Frau anzustarren und zu versuchen, sie zu irritieren. Glaube wir hätten einen Holzofen kaufen sollen, würde das aber nie zugeben. Ich hasse es, wenn sie Recht hat! Ich hasse es, in meinem eigenen Wohnzimmer zu erfrieren.
Dezember Der Strom ist wieder da, aber noch mal 40 cm von dem verdammten Zeug letzte Nacht! Noch mehr schaufeln. Hat den ganzen Tag gedauert. Der beschissene Schneepflug kam zweimal vorbei. Habe versucht, eines der Nachbarskinder zum Schaufeln zu überreden. Aber die sagten, sie hätten keine Zeit, weil sie Hockey spielen müssten. Ich glaube, dass sie lügen! Wollte eine Schneefräse im Baumarkt kaufen. Die hatten keine mehr. Kriegen erst im März wieder welche rein. Ich glaube, dass sie lügen! Sepp sagt, dass ich schaufeln muss oder die Stadt macht es und schickt mir die Rechnung. Ich glaube, dass der lügt!
Dezember Sepp hatte Recht mit weißer Weihnacht, weil heute Nacht noch mal 30 cm von dem weißen Zeug gefallen ist, und es ist so kalt, dass es bis August nicht schmelzen wird. Es hat 45 Minuten gedauert, bis ich fertig angezogen war zum Schaufeln und dann musste ich pinkeln. Als ich mich schließlich ausgezogen, gepinkelt und wieder angezogen hatte, war ich zu müde zum Schaufeln. Habe versucht, für den Rest des Winters Sepp anzuheuern, der eine Schneefräse an seinem Lastwagen hat, aber er sagt, dass er viel zu tun hat. Ich glaube, dass der Arsch lügt!
Dezember Nur 10 cm Schnee heute. Und es hat sich auf 0 Grad erwärmt. Meine Frau wollte, dass ich heute das Haus dekoriere. Ist die bekloppt? Ich habe keine Zeit – ich muss schaufeln! Warum hat sie es mir nicht schon vor einem Monat gesagt? Sie sagt, Sie hat, aber ich glaube, dass sie lügt!
Dezember 20 Zentimeter. Der Schnee ist vom Schneepflug so fest zusammengeschoben, dass ich die Schaufel abgebrochen habe. Dachte, ich kriege einen Herzanfall. Falls ich jemals den Arsch kriege, der diesen Schneepflug fährt.... Ich weiß genau, dass er sich hinter der Ecke versteckt und wartet, bis ich mit dem Schaufeln fertig bin. Und dann kommt er mit 150 km/h die Straße runtergerast und wirft tonnenweise Schnee auf die Stelle, wo ich gerade war. Heute Nacht wollte meine Frau mit mir Weihnachtslieder singen und Geschenke auspacken, aber ich hatte keine Zeit. Musste nach dem Schneepflug Ausschau halten.
Dezember Frohe Weihnachten. 60 cm mehr von der weißen Scheiße. Eingeschneit. Der Gedanke an Schneeschaufeln läßt mein Blut kochen. Gott, ich hasse Schnee! Dann kam der Schneepflugfahrer vorbei und hat nach einer Spende gefragt. Ich hab ihm meine Schaufel über den Kopf gezogen. Meine Frau sagt, dass ich schlechte Manieren habe. Ich glaube, dass sie eine Idiotin ist!
Dezember Immer noch eingeschneit. Warum um alles in der Welt sind wir hierher gezogen? Es war alles IHRE Idee. Sie geht mir echt auf die Nerven.
Dezember Die Temperatur ist auf -30 Grad gefallen und die Wasserrohre sind eingefroren.
Dezember Es hat sich auf -5 Grad erwärmt. Immer noch eingeschneit. Und die Alte macht mich verrückt!
Dezember Noch mal 30 Zentimeter. Sepp sagt, dass ich das Dach freischaufeln muß, oder es wird einstürzen. Das ist das Dämlichste, was ich je gehört habe. Für wie blöd hält der mich eigentlich?
Dezember Das Dach ist eingestürzt. Der Schneepflugfahrer verklagt mich auf 50.000 € Schmerzensgeld. Meine Frau ist zu ihrer Mutter gefahren. 25 Zentimeter Schnee vorhergesagt.
Dezember Habe den Rest vom Haus angesteckt. Endlich warm. Nie mehr schaufeln.
Januar Mir geht es gut. Ich mag die kleinen weißen Pillen, die sie mir dauernd geben. Warum bin ich ans Bett gefesselt...?!
lach Herrlich! Den kannte ich noch nicht, ist aber voll mein Humor. :D
Ich kann da nur mitfühlen, und hoffen solch eine Tragödie hier nicht vorkommt
Hoffte ich auch. Die Story basiert im Grunde auf ein echtes Erlebnis von mir und ist - natürlich - so gut wie nicht übertrieben :D
(i have to leave now, but i'll be back later to tackle the deutsch---I'll probably have to read the english instead, lol. I'll get to it later...I didn't know you wrote! I look forward to it...)
Sometimes I do a bit of writing, too. I'm curious to see if you like it :D
Please wifi Gods. LOL
laughs Exactly. Everyone whose internet suddenly cuts out knows that prayer :D
Wonderfully done once again !!! 👍🙋♂️
Thank you, Saby55