Das schönste Souvenier by lordi
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Description
Ein paar Worte vorweg
Beim Durchstöbern alter Dateien bin ich kürzlich wieder auf diese Geschichte gestoßen. Geschrieben habe ich sie vor etwa 25 Jahren, nachdem ich zufällig im Internet auf den damaligen Pressebericht gestoßen war.
Die Erinnerungen darin sind allerdings nicht ganz meine eigenen. Es sind vielmehr die Erinnerungen meiner damaligen Frau, die das Ganze als kleines Mädchen tatsächlich so erlebt hat.
Da dies außerdem der einzige Text von mir ist, der jemals gegen ein geradezu unfassbares Honorar von 50 Euro tatsächlich veröffentlicht wurde, dachte ich mir, ich zeige ihn euch einfach mal. Man kann schließlich nicht jeden Tag auf eine solche Schriftstellerkarriere zurückblicken. :D
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06/08/01
Verirrte Meeresschildkröte legte Eier an spanischen Badestrand
Malaga (dpa) – Eine Meeresschildkröte hat sich an einen Badestrand im Südosten
Spaniens verirrt und dort ihre Eier in den Sand gelegt. Normalerweise wählen diese
Tiere für ihre Eier afrikanische Küsten fernab aller Siedlungen und Urlauberzentren
aus, erläuterten Tierschützer vom Zentrum für bedrohte Arten in Malaga. Dies sei
das erste Mal seit langer Zeit gewesen, dass eine Schildkröte dieser Art ihre Eier an
einem Strand der Iberischen Halbinsel gelegt habe.
Polizisten und Tierschützer bewachen nach Presseberichten vom Sonntag die Eier
am Strand nahe der Kleinstadt Vera in der Provinz Almeria rund um die Uhr. Sie
wollen verhindern, dass Badende zu nahe kommen. Die Experten erwarten, dass die
jungen Meeresschildkröten Mitte September schlüpfen werden. Ein Tourist hatte vor
einer Woche beobachtet, wie die Schildkrötenmutter an Land gekrabbelt war, ein
Loch in den Sand gegraben und dort ihre Eier gelegt hatte. Danach verschwand das
Tier wieder im Meer. Im Mittelmeer sind diese bis zu einen Meter langen
Schildkröten vom Aussterben bedroht, weil sie immer weniger ruhige Strände
finden. / ©dpa
Wie ein träger, erst halb von dem aufkommenden Massentourismus wachgeküsster
Riese döste das Örtchen Lloret de Mar in der spanischen Sommersonne des Jahres
1965 dahin. Gelangweilte Wohlstandstouristen schlenderten durch die schwülen
Straßen, besahen sich mehr oder weniger interessiert die kleinen Andenkenbuden am
endlos scheinenden Strand, deren Sortiment von schillernden Muscheln über
schildplattbesetzte Messer bis hin zu Postkarten der Region alles zu umfassen schien.
Ein besonderer Höhepunkt bestand darin, den Fischern, die ihre Boote nahe des
Badestrandes zu liegen hatten, dabei zuzusehen, wie sie ihren Fang an Land brachten
oder ihre Netze ausbesserten. Wen wundert es da, dass sich die Nachricht über den
seltenen Fang wie ein Lauffeuer über den Strand verteilte und von jedem Badegast
gierig als eine willkommene Abwechslung aufgesogen wurde.
Eilig hasteten die Schaulustigen in ihren Latschen und Sandalen über den heißen
Sand, ihre klobigen Kameras bereit machend, um ja nicht die Möglichkeit eines
ungewöhnlichen Schnappschusses zu verpassen, den man nach dem Urlaub den
staunenden Daheimgebliebenen präsentieren konnte.
So auch die kleine deutsche Familie, die eben noch an einer der Andenkenbuden
darüber beratschlagte, ob das Schildplattmesser oder lieber der einfache, aus
Treibholz geschnitzte Fisch ein schöneres Souvenir darstelle. Schnell drängten sie
sich in die größer werdende Menschentraube, um ihrer kleinen, fünfjährigen Tochter
noch einen Platz zu sichern, von dem aus sie die Fischer und ihren seltenen Fang gut
sehen konnte.
Die Kleine schob sich frech bis in die erste Reihe durch, aber immer darauf bedacht,
die Hand ihrer Mama nicht loszulassen, und dann entdeckte sie sie: die große
Meeresschildkröte.
Bei dem Anblick breitete sich ein strahlendes, herzeroberndes Lächeln über das
sonnenmilchbeschmierte Gesichtchen aus. Die braunen Äuglein wurden im Schatten
ihres ausladenden Sonnenhuts riesig und schienen sich mit dem Glanz, der vom Meer
reflektierten Sonne, messen zu wollen.
Aufgeregt zupfte der kleine Blondschopf abwechselnd an der Hand ihrer Mutter und
am offenen Hemd des Vaters herum, was es dem Vater wohl unmöglich machte, auch
nur einen brauchbaren Schnappschuss des hektischen Treibens der Fischer zu
machen.
Diese hatten mittlerweile zu viert das große Tier an den Strand gewuchtet. Die
panisch umherschlagenden Flossen missachtend, legte einer von ihnen ein Seil um
dessen Kopf und eine der Hinterflossen, während ein anderer sein Messer aus dem
Gürtel zog und sich dem gefesselten Giganten näherte.
Beim Aufblitzen des scharfen Messers war das freudige Lächeln des kleinen
Blondschopfs einem erschreckten Glucksen gewichen. Angstvoll drückte sie sich an
die Hand ihrer Mutter, Tränen standen in den großen Augen. Auch der Vater, der nun
endlich den begehrten Schnappschuss hätte machen können, ließ die Kamera sinken
und sah besorgt von den Fischern zu seiner Tochter herunter, die Hand jederzeit
bereit, ihr die Augen zuzuhalten und so den befürchteten Anblick zu ersparen.
Doch zur Erleichterung aller floss kein Blut. Der Fischer hockte sich auf die
Schildkröte und ritzte ihr mit dem Messer seine Initialen MR, Miguel Ramos, in den
Panzer, um sie so als seinen Fang zu kennzeichnen. Danach banden sie das andere
Ende des Seils, mit dem sie den sanften Titanen gefesselt hatten, um einen Pfahl und
ließen sie zurück ins Meer kriechen.
Skeptisch beobachtete der kleine Blondschopf die Fischer, die keinen Anstand
machten, das Tier aufzuhalten. Stattdessen schoben sich zwei von ihnen durch die
Schaulustigen und rannten in Richtung der Strandpromenade, wo die Hotels und
Restaurants ihren Sitz hatten.
Fragend sah sie zu ihrem Vater empor, der allerdings auch nur verständnislos die
Schultern hob. Die Schildkröte war mittlerweile wieder in ihrem Element
verschwunden, nur das hin und wieder zuckende Seil am Pfahl bewies, dass sie noch
dort draußen war. Die meisten der sensationsgierigen Gaffer hatten ihre begehrten
Schnappschüsse bekommen und, da hier für den Moment nichts Interessanteres
geschah – wie im Übrigen Lloret de Mar –, zerstreute sich der größte Teil der Menge
wieder am Strand, um weiterhin an ihrer gepflegten Sonnenbräune zu arbeiten. Einige
zeigten sich sichtlich enttäuscht über das zu kurze Spektakel, das dennoch einen
Höhepunkt ihres Urlaubs darstellte.
Auch die Mutter der kleinen deutschen Familie wollte sich wieder ihrem Problem des
schönsten Souvenirs widmen, doch der kleine Blondschopf an ihrer Hand blieb wie
angewurzelt stehen und ließ sich auch nicht mit allen Versicherungen, dass es dem
Tier gut gehe, oder dem Versprechen einer extragroßen Portion Eis von der Stelle
locken.
Fragend blickte sie erst ihre Mutter, dann ihren Vater an, schließlich drängte sich ein
halbersticktes, flehendes „Papa?“ zwischen ihre Lippen hervor. Geschlagen vom
Blick seiner Tochter winkte er Miguel zu sich heran.
Der leidlich deutschsprechende Fischer erklärte auf Nachfrage, welchen seltenen
Fang er gemacht habe und dass die Brüder sich auf den Weg gemacht hätten, um in
den Hotels und Restaurants nachzufragen, wer den besten Preis für diese Beute
bezahlen würde. Solange dies nicht geklärt war, sollte die Schildkröte weiterhin im
Meer bleiben, damit die Suppe aus schönem, frischen Fleisch gemacht werden
konnte, wie er sich ausdrückte.
Bei dem Wort „Suppe“ brachen bei dem kleinen Blondschopf alle Dämme. Dicke,
salzige Tränen, wohl genug, um einen eigenen Ozean zu füllen, hinterließen deutlich
sichtbare Kanäle im Sonnenmilch beschmierten Gesicht. Ein Jammern und
Schluchzen, Wimmern und Heulen brach aus der kleinen Kinderseele empor, das es
zum Steinerweichen war. Alle Versuche, die Kleine wieder zu beruhigen oder endlich
von den Fischern wegzubringen, zeigten eben soviel Erfolg wie der Versuch, das
Mittelmeer mit einem Fingerhut leer zu schöpfen.
Sobald ihre Eltern sie hoch nahmen, um auch nur einen Schritt von dort
wegzumachen, brach der kleine Wasserfall in einem beinahe hysterischen Geschrei
aus. Das Kind hatte sich entschlossen, seiner Trauer und Empörung solange an
diesem Fleck Luft zu machen, bis eine für sie und die Schildkröte zufriedenstellende
Lösung gefunden wurde.
Belustigte wie anklagende Blicke der verbliebenen Schaulustigen und der Fischer
brachten die armen, hilflosen Eltern langsam in eine peinliche Situation. Während die
Mutter dieses kleine, heulende Etwas mit einer besonders liebevollen Umarmung zu
trösten versuchte, machte der Vater sich mit einem besorgten, aber entschlossenen
Blick möglichst unauffällig vom Ort des Geschehens davon.
Der Himmel allein mag ahnen, ob eine der größer werdenden Versprechungen, die die
verzweifelte Mutter ihrer Tochter gegenüber machte, sie letztlich nach einer guten
Viertelstunde zum Schweigen brachte, oder ob die Kleine einfach keine Tränen mehr
produzieren konnte. Jedenfalls verwandelte sich der Heulkrampf langsam in ein
trockenes Schluchzen.
Erschöpft drückte die Kleine ihr hochrotes Gesicht an den Busen ihrer Mutter, ihr
krampfhaftes Japsen schien sich langsam zu beruhigen. Vielleicht wäre dies ein
günstiger Zeitpunkt gewesen, das Blondschopf vorsichtig an einen weniger
aufregenden Ort zu bringen, doch die Mutter zögerte, als sie bemerkte, dass ihr Mann
weit und breit nicht zu sehen war.
Leider zögerte sie einen Moment zu lange, denn nun erschienen die beiden Fischer,
die sich auf die Suche nach einem zahlungskräftigen Abnehmer gemacht hatten,
wieder am Strand, begleitet von einem dicken Spanier in der weißen Kleidung eines
Kochs.
Eifrig machten sich die Fischer daran, das Seil, das ihren wertvollen Schatz hielt,
wieder einzuholen. Die kritischen Blicke der Fischer ob des geringen Widerstands
des Seils untereinander bemerkte das blonde Mädchen wohl nicht, denn schon
begannen sich ihre Augen erneut auf eine wahre Sintflut an Tränen vorzubereiten.
Doch bevor es dazu kam, tauchte unerwartet ihr Vater wieder neben ihr auf und
flüsterte ihr etwas ins Ohr. Den vernichtenden Blick der Mutter, als sie sein nasses,
blondes Haar, die feuchte Badehose und die verräterischen Salzspuren von frisch
verdunstetem Meerwasser auf seiner braunen Haut entdeckte, nahm er ohne ein
Wimpernzucken hin.
Gespannt beobachtete die Kleine nun das Seil, das langsam aus dem Wasser gezogen
wurde. Jeder Tourist, der in Hörweite war, lernte in dem Moment, als die Fischer das
abgeschnittene Tauende an Land zogen, schlagartig eine ungeahnte Vielfalt an
spanischen Schimpfwörtern und Flüchen. Proportional zur steigenden Wut der
Fischer begann das kleine Blondschopf wieder ihr herzeroberndes Lächeln ihrem
Vater zu schenken.
Er nahm sein strahlendes Töchterchen auf den Arm und gab seiner Frau einen Wink,
ihm zu folgen, denn er hatte es plötzlich sehr eilig, von den wütenden Fischern
fortzukommen. Einige Schritte von den Fischern entfernt blieb die Mutter stehen,
anscheinend eine Erklärung wegen seines plötzlichen Verschwindens erwartend,
betrachtete sie ihren nassen Mann eingehend und entdeckte unter seinem Hemd den
Schildplattgriff eines Souvenirmessers, das locker in seiner Badehose steckte.
Nach einem ungläubigen Blick von ihrem schelmisch dreinschauenden Mann zu den
tobenden Fischern, die mit ihren Flüchen anscheinend Poseidons Zorn auf den
Übeltäter beschwören wollten, brach sie in herzhaftes Lachen aus. Schnell nahm sie
ihm den Fotoapparat vom Hals, schob ihren Mann mit der strahlenden Tochter auf
dem Arm so zurecht, dass die wütenden Fischer im Hintergrund gut zu sehen waren,
und machte das Foto, das wohl das schönste Souvenir von allen werden sollte.
Ich habe lange Zeit nicht an diese Geschichte gedacht, bis ich vor kurzem im Internet
über den oben erwähnten Pressebericht stolperte. Obwohl die Kleinstadt Vera weiter
südlich von Lloret de Mar liegt und ich die Schildkröte nicht persönlich gesehen
habe, finde ich es doch einen schönen Gedanken, mir vorzustellen, dass in ihrem
Panzer vielleicht die Buchstaben MR eingeritzt waren
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Render in DAZ, Photoshop, No AI

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