Urlaub im Orchester des Wahnsinns by lordi
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Description
Urlaub. Ich dachte: Endlich chillen, Sonne, Seele baumeln lassen.
Tja – stattdessen bin ich in der Hölle gelandet.
Mit VIP-Ticket. Und Gratis-Ohrbluten inklusive.
Schon morgens geht’s los.
Nicht mit Vogelgezwitscher. Nicht mit Sonnenschein.
Sondern mit dem Soundtrack der Apokalypse – Dolby Surround, Bass auf Anschlag.
Über mir wohnt ein Kind.
Ich weiß nicht, wie es heißt.
Ich habe es nie gesehen.
Aber ich höre es. Jeden. Verfluchten. Tag.
Jede. Einzelne. Minute.
Und ich sage es dir so, wie es ist:
Das Kind reitet.
Nicht bildlich. Nicht „läuft rum“. Nicht „springt auf dem Sofa“.
Es reitet.
Auf einem unsichtbaren Pony.
Direkt über meinem Kopf.
Unsichtbar, ja.
Weil es sonst vielleicht mal zur Fellpflege Pause machen müsste – und nicht nur die Wände zum
Wackeln bringt.
Es muss ein Pony sein.
Kein Kind kann sich mit diesem Tempo, dieser Hufschlagfrequenz und dieser rücksichtslosen
Entschlossenheit durch 48 Quadratmeter ballern, ohne ein Lebewesen mit mindestens vier Beinen
unterm Arsch zu haben.
Ich habe gegoogelt, ob Shetlandponys Wohnungstiere sein dürfen.
Antwort: Nein.
Aber ehrlich – realistischer als das, was da oben passiert.
Vielleicht ist es auch kein Pony, sondern ein galoppierender Panzer mit Turbo.
Oder Godzilla mit einem Rodeo-Bullen auf Speed.
In jedem Fall: kein „Trapp, trapp“.
Sondern „BUMM, BUMM, BÄM!“ – wie ein Actionfilm, der in meinem Kopf gedreht wird, ohne
dass mich jemand gefragt hat.
Manchmal wünsche ich mir, das Vieh würde wenigstens mal pinkeln oder kacken, damit kurz Ruhe
einkehrt.
Aber nein. Unsichtbar heißt: Vollgas, kein Stallgeruch, nur Terror.
Es ist, als würde Winnetou da oben Patrouille reiten.
Auf einem tollwütigen Nashorn mit Übergewicht.
Letzte Woche dachte ich: Ich sag was.
Ich geh rauf.
Klingel.
Sag freundlich:
„Hey, könntet ihr vielleicht… äh… ein bisschen leiser galoppieren? Oder wenigstens die Hufeisen
abschrauben?“
Ich kam bis zur Treppe.
Da flog mir ein Playmobil-Mönch entgegen.
Mit Kleber im Gesicht.
Und ich habe umgedreht.
Weil ich kein Märtyrer bin.
Ich bin im Urlaub, nicht bei den Olympischen Spielen im „Wurfgeschoss-Dodging“.
Und jedes Mal, wenn ich denke: „Jetzt ist Ruhe“, geht es anderswo weiter.
Draußen auf der Straße schreit ein anderes Kind.
Und nein, das ist kein zufälliger Laut.
Das ist ein Ritual. Eine Beschwörung.
„MICHAELAAAAA!!!“
Es schreit „Michaela“ wie ein Amokläufer mit Megafon.
Und er schreit es auch noch mit „K“ – Also „Mikaela“.
Nicht einmal. Nicht kurz.
Nein.
Das Kind klingt, als wäre Bata Illic zehn Jahre auf Dauerschleife gelaufen – auf Ecstasy, im
Karussell, mit 140 BPM.
„MICHAELA! MICHAELAAAAA!! MICHAAAEEEELAAAAAAAAAA!!!“
Ich habe ihn nie etwas anderes sagen hören.
Nicht „Hallo“. Nicht „Ich bin müde“. Nicht „Mama, ich will einen Apfel“.
Nur Michaela.
Immer wieder.
Als wäre „MICHAELA“ das Passwort zu einer geheimen Schatzkammer.
Oder ein Mantra, das nur wirkt, wenn man es 500 Mal brüllt. Ohne Luft zu holen.
Wie jemand, der längst verloren hat, aber trotzdem weiterkämpft.
Nur dass es ein Fünfjähriger ist.
Ich weiß nicht, wer Michaela ist.
Ich weiß nicht, was sie getan hat.
Aber ich weiß, dass sie’s verdient hat.
Und dass der Junge vermutlich nie wieder was anderes sagen wird.
Sein späteres Bewerbungsgespräch wird so aussehen:
„Was sind Ihre Stärken?“
„MICHAELAAAAAAA!!!“
Er schreit diesen Namen mit einer Inbrunst, als ob er den Weltuntergang verhindern könnte.
Mal verzweifelt, mal hysterisch, mal wie eine Todesklage – aber immer mit dem gleichen Namen.
Und Michaela? Wahrscheinlich schon vor Monaten weggezogen.
Oder hat sich freiwillig aus dem Genpool entfernt, um diesem Geschrei zu entkommen.
Und als wäre das nicht genug für ein ganzes Buch an Nervenzusammenbrüchen…
die Bauarbeiten.
Seit drei Wochen wird unser Fahrstuhl saniert.
Komplett.
Von Dämonen aus der Hölle, offenbar.
Denn es klingt, als hätte Satan beschlossen, eine Zahnarztpraxis zu eröffnen – genau neben meiner
Wohnung.
Metall schreit. Bohrer kreischen. Presslufthämmer hämmern, als wolle man die Berliner Mauer
noch einmal einreißen – diesmal in meinem Flur.
Ich weiß nicht, ob sie wirklich arbeiten.
Oder ob sie einfach Frust an der Wand auslassen, weil der dritte Akkuschrauber wieder aus dem
Fenster gefallen ist.
Vielleicht auch: „Team-Building mit Werkzeugen, die in Horrorfilmen verboten sind.“
Und das alles gleichzeitig.
Das Pony trampelt.
Der Michaela-Exorzist brüllt.
Der Bohrer kreischt.
Und ich?
Ich bin der unfreiwillige Zeuge dieses Horror-Trios.
Mein Kopf fühlt sich an, als hätten ihn ein Felsen und ein Schraubstock zum Wrestling eingeladen.
Nur dass das Match nie endet – und die Zuschauer Popcorn mit Pressluftkanonen machen.
Mit jedem Bohrgeräusch werde ich ein bisschen mehr zum Zombie.
Ich lerne, den Schmerz zu lieben. Oder wenigstens zu ertragen.
Weil Ausziehen keine Option ist.
Ich habe Hoffnung.
Dass die Bauarbeiter-Dämonen bald wieder in die Hölle zurückbeordert werden.
Und dass mit dem neuen Fahrstuhl dann das unsichtbare Monster-Pony nach unten fährt – direkt in
den Kampf gegen den Michaela-Schreihals.
Mit der Bohrmaschine des Grauens in der Hand.
Dann ist Ruhe.
Oder mein Urlaub vorbei - und ich darf zurück in meinen „ruhigen“ Job.
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Render in DAZ. No AI

Comments (5)
Oh man, ich lach mich weg und wie gemein, Du kamst mir zuvor gg Ich sah das Bild, ich sah den Namen und das Lied war im Kopf. Dann lese ich und jupp darum auch Michaela. Zwei Doofe ein Gedanke O_O Genial, einfach nur genial!
Vielen Dank, Nena. Das lustige - das ganze basiert hier auf realen Erlebnissen. Das Ponykind, Der Bata JR auf Speed und die Bauarbeiten - das lief ECHT gleichzeitig über Tage ab :D
Respekt fuer die Geduld, die Du da aufgebracht hast. Wurfgeschoß hin oder her, ich haette mal freundlich angeklopft gg
lach Ich hab mich nicht getraut. Wenn das unsichtbare Reitier dann durchgeht macht mich das noch platt :D
I'm under the weather, so my comment is briefer than usual. (Do I hear a sigh of relief?) But this was another wonderful, fast moving, funny piece. Your style sings along, in strong "punches"---staccato (the musical term for sharp short notes in succession---even though the original word means "detached"---your writing's not detached, it's filled with humorous jabs and statements, one after the next.) I read the entire Deutsch, and while I understood only a little, yes I can see that the Deutsch is a world all its own. Just know that your English sings and zings and is very funny. Ausgezeichnet! I'll comment on more pieces when I return. Oh---and the image has some riotous details. I love the hole in the wall, and the two construction workers look like half humans, half apes! Great faces. Hab einen schönen Donnerstag! (Is that too informal? Did I just insult the hell outa you? If so, set me know, and I'll send a refund, and a year's supply of MoS2 Öl-Additiv.) (I have noooo idea what that is...I just looked it up...)
laughs First of all, I hope you aren't feeling too poorly and that you're back on your feet soon. And no, I really like your comments; as I said before, sometimes they read better than my own story! :D Thanks for reading and for trying to battle your way through the German original every time. I do try to make sure the translation—whenever possible—comes close to the original, though, so don't torture yourself with the German version. I'm just happy that anyone reads these little stories at all, regardless of the language. And no, it wasn't too informal. Since I have no idea what MoS2 oil additive is—or whether it tastes good, or if I could use it to end or start a small war—you're welcome to keep it! :D
Wonderful
Thanks, MagikUnicorn
Sartre sagte: die Hölle sind die anderen Menschen
Und er hatte recht :D